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17.06.2008
 

Sieg gegen Österreich

Löws Elf droht Zitterpartie gegen Portugal

Aus Wien berichtet Christian Gödecke

Kampf statt Spielspaß, behäbiges Gekicke statt origineller Kombinationen: Die DFB-Elf ist mit ihrem Zittersieg gegen Österreich auf ein Niveau zurückgefallen, das längst überwunden schien. Das Viertelfinale gegen Portugal wird zur Angstpartie.

Man kann an dieser Stelle natürlich mit Michael Ballack beginnen. Wie er in der 49. Minute auf den Ball schaut, den Torsten Frings gerade gestoppt hat. Wie die Körperspannung in der Armbeuge besonders sichtbar wird, kurz bevor er den Ball mit dem Vollspann trifft. Die weit aufgerissenen Augen, die die Flugbahn verfolgen und sich danach entspannen - als Torwart Jürgen Macho geschlagen am Boden liegt und Deutschland 1:0 führt.

Aber weil das zum alles entscheidenden Duell zwischen Deutschland und Österreich hochgejazzte Spiel dieses großartige Tor nicht verdient hatte, soll hier zunächst über Mario Gomez berichtet werden.

Ein paar Minuten waren gespielt, da drehte sich Miroslav Klose um einen Gegenspieler, rannte in den Strafraum, stoppte ab, spielte den Ball wieder an einem Österreicher vorbei und schob ihn in die Mitte. Dort stand jener Gomez, der Stürmer, der in den Vorstellungen vieler Fans und DFB-Offizieller dem Idealbild eines Angreifers am nächsten kommt - und traf das Tor nicht. Das sah unglücklich aus, weil der Ball vorher aufsprang. Aber vor allem, weil Gomez nur einen einzigen Schritt davon entfernt war, sich endlich von einer Last zu befreien.

Zaghaftes Aufbauspiel, ungenaue Konter

Diese Szene sagt viel mehr über das Spiel aus als Ballacks Schuss in den rechten Torwinkel. Gomez' vergebene Chance steht stellvertretend für die druckvolle Anfangsphase der deutschen Elf, aber auch für das vergebliche Bemühen, spielerisch zu überzeugen und das malade Selbstvertrauen aufzubauen nach der Niederlage gegen Kroatien. Sie steht für den Kampf gegen sich selbst, für das Wollen, aber auch für das Immer-noch-nicht-Können. Sie hinterlässt einfach ein schlechtes Gefühl.

Gomez schlurft nach dem Spiel an allen Reportern in der Interviewzone vorbei, er will nichts sagen, und wen wundert das auch? Lukas Podolski bleibt stehen und erklärt, dass "wir natürlich besser spielen" können. Und Michael Ballack, der Kapitän, sagt in die Kameras, dass es klar gewesen sei, "dass wir nicht locker und gelöst auftreten würden". Stattdessen: Zaghaftes Aufbauspiel, ungenaue Konter, wenige Doppelpässe, kaum Druck über die Flügel - gegen Österreicher, die an der Grenze ihrer Möglichkeiten, aber trotzdem keine Bedrohung für das deutsche Tor waren.

Warum?

Großartige Möglichkeiten nicht genutzt

"Es ist eine enorme Drucksituation", sagt Bundestrainer Joachim Löw. "Es geht ums Viertelfinale, da kann man nicht alles auf eine Karte setzen", sagt Philipp Lahm, der beste Deutsche an diesem Abend. "Es war ein schwieriges Spiel. Wir konnten nur verlieren", sagt Ballack. Alle drei verweisen auf die psychische Belastung, und tatsächlich musste man während der 90 Minuten den Eindruck haben, dass diese Mannschaft sich so auf Kampf und Einsatz konzentrierte, dass kein Platz im Kopf blieb für überraschende Ideen. Für Intuition. Und Spielspaß.

So wirkt diese Mannschaft nicht mehr wie die leichtfüßige Truppe, die sie vor zwei Jahren und in der EM-Qualifikation gewesen war. Sie gleicht dem Team von 2002, das spielerische Armut mit Kampf kompensierte, das hinten gut stand und vorn im entscheidenden Moment das Tor machte. Meist durch Ballack. Mit einem Unterschied: Vor sechs Jahren spielten die Deutschen so gut sie konnten. Heute reizen sie ihre großartigen Möglichkeiten nicht mehr aus.

Die DFB-Elf wirkt stattdessen wie ein Marathonläufer auf halber Strecke, der sich am Start vorgenommen hat, mit Bestzeit ins Ziel zu laufen - aber plötzlich nur noch die nächste Verpflegungsstation erreichen will.

Es scheint, als habe man sich schon nach dem einen Rückschlag gegen Kroatien für die Dauer des Turniers von einer Philosophie verabschiedet, die seit 2004 als neuer Weg verkauft wurde: dem Gegner das Spiel aufzwingen, mit schnellen, vertikalen Pässen die Abwehr auszuhebeln. Mit dem Spielaufbau bereits in der Abwehr beginnen. Und vorn die Chancen zu nutzen.

Diese Philosophie wird nach Lage der Dinge durch etwas ersetzt, was man früher hochachtungsvoll "deutsche Tugenden" nannte: kompromisslose Zweikämpfe, lange Bälle, ruhiges (behäbiges) Aufbauspiel. Ab und an ein Vorstoß von Philipp Lahm über links. Standardsituationen und Tore von Michael Ballack. Wer es gut meint, wie Bundeskanzlerin Merkel auf der Tribüne, nennt das Effizienz.

Man kann es aber auch einen Rückschritt nennen.

Was jetzt Angst macht

Der Respekt, den viele dieser Mannschaft entgegengebracht haben und immer noch entgegenbringen, resultierte ja gerade daraus, dass sie an guten Tagen jeden Gegner an die Wand spielen konnte und gleichzeitig hinten sicher stand. Es war dieses ausbalancierte Gebilde, das Portugal bei der WM 2006 demontierte und in der EM-Qualifikation in Tschechien brillierte.

Es klingt fast zaghaft, wenn Ballack nun sagt, dass die DFB-Elf immer noch hohe Ziele bei dieser EM habe, "aber wir treffen jetzt auf eine sehr, sehr starke Mannschaft". Eben jenes Portugal, bei dem eben statt des technisch unbegabten österreichischen Stürmers Erwin Hoffer ein Cristiano Ronaldo oder Nuno Gomes auf Christoph Metzelder und Per Metersacker warten. Spieler, die einen Ball in der Drehung annehmen können statt ihn unter der Sohle zu Jens Lehmann durchrutschen zu lassen. Und gegen die es nicht reichen wird, "zu fighten und als Team aufzutreten".

"Für das Viertelfinale werden wir uns enorm steigern müssen. Wir müssen auf das Niveau kommen, auf dem wir in den vergangenen zwei Jahren öfter mal waren", sagt Bundestrainer Löw, der nach einem Zwist mit dem Schiedsrichter zusammen mit Österreichs Coach Josef Hickersberger vom spanischen Schiedsrichter Manuel Mejuto González kurz vor der Pause auf die Tribüne geschickt wurde und dafür auch lange nach dem Spiel noch kein Verständnis aufbrachte. Ihm droht nun sogar eine Sperre für das Viertelfinale am Donnerstag in Basel.

Um auf das Niveau der vergangenen zwei Jahre zu kommen, hat das DFB-Team zwei Tage Zeit. Das ist es, was vielleicht am meisten Angst macht.

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