Aus Zürich berichtet Christoph Biermann
Lustig wurde es erst hinterher, wenn man es denn für sonderlich unterhaltend hält, Männer in Unterhosen um Fußballplätze laufen zu sehen. Aber der italienische Angreifer Antonio Cassano konnte bei der Ehrenrunde nach Schlusspfiff wohl nur vom Gefühl einer gewaltigen Erleichterung dazu verleitet worden sein, sich seines Trikots und seiner Hose zu entledigen. Sie hatten 2:0 in Zürich gesiegt, sie waren weiter, und das nach einem Spiel, in dem sich die Italiener lange Zeit über den Rasen geschleppt hatten, als wären ihre Schuhe mit Beton ausgegossen. Und wer waren eigentlich diese Franzosen? Vor allem unglücklich nach der Niederlage. Und missverstanden, wenn man Raymond Domenech glaubt. Mit einem Punkt und einem Tor fährt die Mannschaft nach Hause, und das war für den französischen Trainer vor allem ein Problem der Kommunikation. "Wir hätten deutlicher sagen sollen, dass wir dieses Turnier dafür nutzen wollten, ein neues Team aufzubauen", erklärte der französische Coach. Seine alten Kräfte werden ihn nun verlassen, Mittelfeldspieler Claude Makelele und Abwehrrecke Lilian Thuram kündigten gleich mal ihren Rücktritt aus dem Nationalteam an.
Weniger fragwürdig war hingegen Domenechs Fassungslosigkeit über das Pech der Franzosen in diesem seltsamen Kellerduell. "Man glaubt nicht, dass man so viele Katastrophen in einem Spiel erlebt", sagte er. Bereits in der achten Minute dürfte Jürgen Klinsmann, Uli Hoeneß und allen Fans des FC Bayern das Blut in den Adern gefroren sein. Nach einem wenig dramatisch wirkenden Zweikampf zwischen Gianluca Zambrotta und Franck Ribéry blieb der Franzose auf dem Rasen liegen; jeder im Stadion ahnte sofort, dass etwas Schlimmes passiert war. Ribéry wand sich zunächst vor Schmerz und blieb dann starr wie unter Schock liegen. Die genaue Verletzung ist noch immer unklar.
In der 25. Minute ging das französische Elend weiter, als der slowakische Schiedsrichter Lubos Michel nach einem Foul am italienischen Stürmer Luca Toni nicht nur auf Elfmeter entschied, sondern Frankreichs Abwehrspieler Eric Abidal dafür auch noch vom Platz stellte. Italien führte, war in Überzahl und begann zu leiden. "Nach unserem ersten Tor wurden wir angespannter, als ich erwartet hätte", sagte Roberto Donadoni. Doch der italienische Trainer fand das "nur menschlich".
Der Rest wurde dann eine Leistungsshow in Sachen menschlicher Fehlbarkeit. Erst war es noch interessant, als Toni wieder eine handvoll Chancen vergab. Dann wurde es zäh und knüppelhart, man trat sich eifrig gegenseitig. War beim Elfmeter endlich einmal eine wichtige Schiedsrichterentscheidung zugunsten der Italiener gefällt worden, hätte es in der vorletzten Minute der ersten Halbzeit noch einen weiteren Strafstoß geben müssen, als Simone Perrotta von Francois Clerc umgemäht wurde. Später holten sich Andrea Pirlo und Gennaro Gattuso noch Gelbe Karten ab - sie fehlen Italien im Viertelfinale am Sonntag gegen Spanien (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).
Ab Mitte der ersten Halbzeit mochte man auf der Tribüne am liebsten flüstern, um die Spieler nicht zu stören. Da lag längst eine seltsame Atmosphäre über dem Stadion. Der klassische Sprechchor "Ihr seid leiser als Fortuna Köln" wäre eine Beleidigung für die Fans des Verbandsligisten gewesen, denn sie sind längst lauter, als es die Fans beider Mannschaften in Zürich waren. Weder die italienischen noch die französischen Anhänger verbreiteten den Glauben, dass ein Sieg wirklich Bedeutung hätte.
Hätte er bei einer bei gleichzeitigen Niederlage der bereits als Gruppensieger feststehenden Niederlande auch nicht gehabt, beide Teams wären ausgeschieden - gegen Rumänien.
Der erste Treffer der Niederländer gegen Rumänien in Bern, wo zeitgleich die andere Partie der Vorrundengruppe C ausgetragen wurde, weckte dann auch für einen Moment die Zuschauer, jedoch nicht die Teams. Aber Frankreich war vielleicht gar nicht mehr zu wecken, so tot wie das Team wirkte. Unvorstellbar, dass diese beiden Mannschaften noch vor zwei Jahren in einem aufregenden WM-Finale aufeinander getroffen waren; damals siegten die Italiener im Elfmeterschießen. Als auch noch ein abgefälschter Freistoß von Daniele de Rossi nach 62 Minuten die endgültige Entscheidung bedeutete, war das Bild komplettiert.
"Wir haben gezeigt, dass wir ein richtiges Team und schwer zu schlagen sind", bilanzierte Azzurri-Coach Donadoni. Wer weiß, vielleicht werden die Niederländer es in einigen Tagen noch sehr bereuen, dass sie den Italienern mit ihrem Sieg über Rumänien ins Viertelfinale geholfen haben. Denn sollten beide Mannschaften weiterkommen (das Oranje-Team trifft am Samstag auf Schweden oder Russland), würden sie schon in der nächsten Runde wieder aufeinander treffen.
Und irgendwie erinnern die Italiener mit ihrer Mischung aus Qualität und Gerumpel an deutsche Mannschaften der Vergangenheit, die plötzlich in Endspielen auftauchten, und niemand wusste, wie sie da eigentlich hingekommen waren.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema Fußball-EM 2008 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH