Mittwoch, 10. Februar 2010

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Fußball-EM 2008

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18.06.2008
 

Viertelfinalist Italien

"Wir sind wieder da"

Sportliche Wiederauferstehung: Italien ist durch einen Sieg gegen Frankreich doch noch ins EM-Viertelfinale eingezogen. Der "Squadra Azzura" reichte ein starkes Spiel, um sich den Status eines Titelkandidaten zurückzuerobern. Gegen Spanien muss Trainer Donadoni aber auf einige Stars verzichten.

Hamburg - Die verschwitzten Haare klebten am Kopf, das Gesicht zum typischen Breitwandgrinsen geformt, drückte Italiens Stürmer Luca Toni einen Teamkollegen nach dem anderen. Sein Trainer Roberto Donadoni konnte sich vor Umarmungen kaum retten, und Tonis Sturmpartner Antonio Cassano hatte nach der Party mit den Fans nur noch seine Unterhosen am Leib.

Wenige Minuten nach dem 2:0 (1:0)-Sieg gegen Vize Frankreich war Weltmeister Italien die Erleichterung überdeutlich anzumerken. Im letzten und entscheidenden Vorrundenspiel hatte man sich vor dem drohenden EM-Aus gerettet, war als Tabellenzweiter der "Todesgruppe" C ins Viertelfinale eingezogen und hatte Frankreich aus dem Turnier geworfen.

Nötig war dazu einerseits eine erhebliche Leistungssteigerung. Im Vergleich zu den ersten beiden Partien gegen die Niederlande (0:3) und Rumänien (1:1). Andererseits profitierten die Italiener in der Neuauflage des WM-Finales von 2006 von einem für sie günstigen Spielverlauf. Der sah bereits in der achten Minute den Ausfall von Frankreichs Superstar Franck Ribéry (Knöchelverletzung) vor, wenig später verwies Schiedsrichter Lubos Michel Abwehrspieler Eric Abidal (24.) wegen einer Notbremse gegen Toni im Strafraum des Feldes. Den fälligen Strafstoß verwandelte Andrea Pirlo sicher. Der Mittelfeldspieler legte die Grundlage für ein neues Selbstvertrauen bei den Italienern - und eine denkwürdige Pleite für die Franzosen.

Den Schuldigen für das Aus der Franzosen hatte die heimische Presse schnell gefunden. "Domenech muss abgesetzt werden. Eile ist geboten!", hieß die Schlagzeile von "Le Parisien", die sich mit ihrer Einschätzung zu Trainer Raymond Domenech in bester Gesellschaft befand. "Für ihn gibt es nur einen Ausgang: die Tür", titelte "France Soir". Erste Konsequenzen zogen bereits Rekordnationalspieler Lilian Thuram und Claude Makelele, die im Anschluss an die Partie ihre Karrieren in der Nationalmannschaft für beendet erklärten. Bayern-Star Willy Sagnol erwägt seinen Rückzug.

Gegner Italien reichten 90 Minuten, um das eigene Stimmungsbild um 180 Grad zu drehen. "Wir sind wieder da - und wir haben wieder den Geist der WM", sagte Bayern-Profi Toni, der dabei zu vergessen schien, dass der Viertefinaleinzug seiner Mannschaft nur durch das gleichzeitige 2:0 (0:0) der Niederländer über Rumänien möglich wurde. Nur so wurde das erstmalige Vorrunden-Aus eines amtierenden Weltmeisters verhindert und Donadonis Arbeitsplatz vorerst gesichert. "Ich hätte bei einer Niederlage ein bestimmtes Verhalten gezeigt, das ihr alle schon erahnt hättet", sagte der 44-Jährige.

Der Dank der heimischen Presse galt deshalb nicht nur der Mannschaft und dem Trainer, sondern auch dem B-Team von Bondscoach Marco van Basten. "Applaus für das professionelle Verhalten von van Basten und seiner Spieler. Applaus für die Energie, das Herz und den Stolz der Azzurri", schrieb der "Corriere dello Sport". "Tuttosport" sah es ähnlich: "Donadonis Italien hat sich mit der Unterstützung der Niederlanden gerettet."

In Rom bahnten sich nach dem Spiel kilometerlange Autokorsos mühsam ihren Weg durch die Innenstadt, insgesamt verfolgten 23,5 Millionen Zuschauer das Spiel gegen Frankreich im Fernsehen - selbst für eine fußballbegeisterte Nation wie Italien rekordverdächtig. Das Endspiel der WM 2006, bei dem die Azzurri Weltmeister wurden, sahen 23,9 Millionen Tifosi.

Doch die Feierlichkeiten rund um den verdienten Sieg, den Daniel de Rossi mit einem von Thierry Henry abgefälschten Freistoß (62.) vor 30.585 Zuschauern endgültig sicherte, werden vor dem Viertelfinale gegen Spanien (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) von zwei prominenten Ausfällen getrübt. Sowohl Spielmacher Pirlo als auch Gennaro Gattuso sahen gegen Frankreich ihre zweite Gelbe Karte und fehlen dem viermaligen Weltmeister gegen die Mannschaft von Luis Aragonés.

Vor allem der Ausfall des Regisseurs Pirlo dürfte nur schwer zu kompensieren sein. "Bei der WM habe ich alle Spiele bestritten. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich es auf der Ersatzbank aushalten soll", sagte Pirlo. "Es ist sehr schade, dass uns Pirlo und Gattuso fehlen. Das macht die Aufgabe nicht einfacher", sagte Toni.

Der Bundesliga-Torschützenkönig (24 Treffer) könnte gegen Spanien dafür sorgen, dass es nicht so kommt: mit einem Tor. Auch gegen Frankreich vergab der Weltklassetorjäger Großchancen gleich reihenweise, hat bei der EM noch nicht getroffen. Ändert sich das gegen Spanien, könnten nicht nur die Tifosi noch länger jubeln, auch Tonis Grinsen würde nach dem Spiel wohl noch etwas breiter ausfallen.

chp/sid

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