Aus Basel berichtet Christoph Biermann
Wenn es noch einer Widerlegung der abgetakelten Wahrheit bedurfte, dass die Einstellung und nicht die Aufstellung entscheidend ist, dann lieferte die deutsche Mannschaft sie beim 3:2-Sieg gegen Portugal. Das Trainerteam entschied sich nach den bis zur Ratlosigkeit schwachen Spielen gegen Kroatien und Österreich aber nicht nur zu personellen Veränderungen, sondern zu einem radikalen Systemwechsel.
"Es war einfach so, dass wir nicht so stabil über Außen waren", sagte Hans-Dieter Flick nach dem Spiel. Und da war die Aussicht auf eine Begegnung mit Cristiano Ronaldo nichts, das die Nerven weiter beruhigt hätte. In den ersten Partien waren überdies die deutschen Stürmer nicht richtig ins Spiel gekommen, das Mittelfeld überlastet und der Druck auf die Abwehr zu groß gewesen. Löw und sein Team entschieden sich daher gegen das sonst übliche 4-4-2-System und für das Spiel mit der einzelnen Spitze Miroslav Klose und einer offensiven Dreierkette dahinter. Die Entscheidung für die Modeformation 4-2-3-1 offenbarte etliche Vorteile.
Michael Ballack, bislang im Turnier durch defensive Aufgaben zu sehr gebunden, rutschte im Zentrum dieser Dreierkette weiter nach vorne und konnte stärker gestaltend ins deutsche Spiel eingreifen, während die Absicherung im defensiven Mittelfeld von Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger übernommen wurde. Wie wichtig das war, zeigte sich schon beim 1:0-Führungstreffer in der 22. Minute, als Ballack zur Anspielstation eines Doppelpasses mit Lukas Podolski wurde, der als Quasi-Außenstürmer für den überragenden Bastian Schweinsteiger auflegte.
Den beiden tat es verblüffend gut, dass sie die Flügelzange bildeten. Podolski braucht den Anlauf, wie man schon früher hatte sehen können, während ihm das Spiel in der vordersten Spitze nicht annähernd so gut tut. Schweinsteiger hingegen hatte nach der Sperre einfach seinen besten Tag auf einem Fußballplatz seit langer Zeit erwischt.
Während die nominell um einen Spieler reduzierte Offensive der Deutschen mehr gute Szenen hatte als in den ersten drei Spielen, half die neue Ordnung auch wie gewünscht defensiv. Die Deutschen waren, um das beliebte Trainerwort zu benutzen, endlich "kompakt". Sie unterbanden auf diese Weise weitgehend die portugiesischen Kombinationen, auch über die Außen kam das Team von Luiz Felipe Scolari nur selten durch.
Welche Probleme die neue Formation behob, zeigte sich deutlich beim defensiven Teil von Podolskis Arbeitstag. Ihm fehlt ein Instinkt zum Verteidigen so grundsätzlich, dass jede seiner Defensivaktionen etwas Verzweifeltes hat. Immer wieder wurde er deshalb von seinen Mannschaftskameraden angemault, aber als linker Mann der vorderen Dreierkette hatte er gegen Portugal mehr Hilfe in der Nähe als in den Spielen zuvor, wenn Ballack und Frings zu oft sein schwaches Stellungsspiel ausbügeln mussten. Dennoch stand Podolski im Aufbau zum 1:2-Anschlusstreffer der Portugiesen gegen Simao entscheidend falsch. Er gestattete diesem den Pass, der Mertesacker schlecht aussehen ließ.
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