SPIEGEL ONLINE: Könnte die türkische Nationalmannschaft bei dieser EM eine ähnliche Rolle spielen wie die Griechen vor vier Jahren?
Altintop: Von der Spielweise hoffentlich nicht. Aber klar, im Bezug auf den überraschenden Erfolg und die kämpferische Leistung stimme ich Ihnen zu. Wer weiß, vielleicht sind wir wie die Griechen 2004 auf dem Weg zum EM-Titel. Aber jetzt gilt unsere Konzentration dem Spiel gegen Deutschland.
SPIEGEL ONLINE: Können wir uns darauf einstellen, dass ihr Team so lange warten wird, bis Deutschland ein Tor gelingt, um dann in einem packenden Endspurt die Partie rumzureißen? Wie bereits gegen Kroatien und Tschechien?
Altintop: Glauben Sie wirklich, dass wir uns vor dem Spiel vornehmen, uns erst mal vorsichtig heranzutasten, dann ein bisschen hin und her zu kicken, den anderen beim Vollenden zuzuschauen und in der letzten Minute den Turbo einzustellen? Ich kann Sie beruhigen. Definitiv nicht. Für uns, unsere Landsleute vor dem Fernseher und vor allem für unseren Trainer wäre es auch mal entspannend, wenn uns ein Führungstreffer gelingen würde. Dann könnte Terim sich wenigstens in der Halbzeitpause mal abregen. In diesen 15 Minuten knallt es bei uns so heftig, dagegen waren die Ansprachen von Jürgen Klinsmann bei der WM 2006 zaghaft. Aber der eine oder andere Spieler braucht auch mal einen Tritt in den Hintern. Ich stehe da voll hinter ihm.
SPIEGEL ONLINE: Auch am Spielfeldrand wirkt Ihr Mentor sehr aufgewühlt, manchmal sogar beängstigend zornig.
Altintop: Stimmt. Ich glaube, manchmal schwitzt er mehr als der eine oder andere Spieler. Er fiebert mit, weil er wahnsinnig erfolgsorientiert ist. Er will dem türkischen Fußball viel geben. Deshalb wirkt er manchmal verkrampft. Joachim Löw wirkt da rationaler. Aber die Deutschen können mit ihren Gefühlen und Emotionen nach außen viel kontrollierter umgehen. Bei unserem Trainer weiß dafür jeder, wo er dran ist. Er ist verrückt, aber auf seine ganz spezielle Art, ein positiv verrückter Mensch.
SPIEGEL ONLINE: Er hat Ihren Zwillingsbruder Halil nach der EM-Vorbereitung überraschend nach Hause geschickt.
Altintop: Terim sagte, seine Leistung reiche nicht ganz aus. Das war erstmal ein Schock. Es ist sehr schade, gerade jetzt, da wir so viele Verletzungssorgen im Sturm haben und Halil die deutsche Mannschaft so gut kennt.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Bruder hat schon vor einiger Zeit angedeutet, dass er keine richtige Akzeptanz in der Nationalmannschaft spüre, von den Kollegen scherzhaft "der Deutsche" gerufen wurde. Kann die Nicht-Nominierung auch damit zusammenhängen?
Altintop: Halil ist immer fleißig. Das weiß und schätzt Terim. Aber Sie haben Recht. Es gab da einen Wackelkontakt in einem Verbindungskabel zwischen ihm, der Mannschaft und dem Trainer. Deshalb konnte Halil seine Leistung nicht hundertprozentig abrufen.
SPIEGEL ONLINE: Eine schwierige Situation für Ihre Mutter, den einen Sohn aufbauen zu müssen und den anderen gleichzeitig vor dem Abheben auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu bewahren?
Altintop: Ich hebe nicht ab, kein Sorge. Ernsthaft, unsere Mama hat uns schon immer beigebracht, dass es bei jedem Menschen Momente im Leben gibt, in denen es nicht so funktioniert, wie man es sich vorstellt. Sie hat immer gesagt, dass wir die Fehler als erstes bei uns selbst suchen sollen. Genau das macht Halil jetzt. Wir sind deshalb nicht böse auf Terim. Immerhin sind wir Zwillinge, da ist es eigentlich normal, dass eine Entscheidung gegen meinen Bruder auch irgendwie eine gegen mich ist. Vor allem weil der Trainer weiß, dass wir eine sehr enge Bindung haben. Ich erinnere mich noch genau an ein Spiel, bei dem ich nur durchschnittlich gespielt habe und der Coach zu mir sagte: Heute bist du entschuldigt, weil der Halil nicht da ist.
Altintop: Wenn Terim sich seiner Sache sicher ist, ist ihm alles andere egal. Er hat mittlerweile einen sehr hohen Stellenwert in der Türkei. Er war Trainer beim AC Mailand, hat mit Galatasaray 2000 den Uefa Cup gewonnen und ist weltoffen. Wussten Sie, dass wir auch mit einem amerikanischen Fitnesstrainer zusammen arbeiten? Wie die Deutschen. Solche Entwicklungen sind wichtig für uns, auch wenn ich befürchte, dass das Training während der ersten beiden Wochen ein bisschen zu intensiv war.
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