Aus Wien berichtet Tongar Akmann
Wer glaubte, an diesem schwülwarmen Abend einen Blick auf die türkische Nationalmannschaft werfen zu können, wurde enttäuscht. So lässig sich Fatih Terim stets das Hemd bis zum Brusthaar öffnet, so zugeknöpft ist der kauzige Nationaltrainer in anderen Dingen.
Zuschauer und Medien sind nicht willkommen, wenn die Seinen ernsthaft trainieren: Alle ungebetenen Beobachter wurden aus dem Franz-Horr-Stadion, der traditionsreichen Spielstätte der Wiener Austria, verbannt, bevor Terims Truppe das Training für das Halbfinale gegen Deutschland (Mittwoch, 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) begann.
Türkei-Trainer Terim: "Wir werden elf willige Spieler aufstellen"
Einen Antrag zur Nachnominierung eines Spielers haben die Verantwortlichen trotz des Spielermangels nicht gestellt. Schlimmstenfalls hat Terim nur 14 gesunde und spielberechtigte Akteure zur Verfügung, "aber wir werden elf willige Spieler aufstellen", sagt der eingebürgerte und wieder spielberechtigte Brasilianer Mehmet Aurelio.
Das ist Konsens im türkischen Lager: Ganz egal, wer wo spielt – wir sind bereit. "Die ganze Welt wünscht sich, dass wir Europameister werden. Egal, wie stark die Deutschen sind, sie haben Angst vor unserer Spielweise", sagt Terim.
Auch Oliver Bierhoff, Manager der deutschen Mannschaft, sieht die Verletzungen nicht als großes Problem für die Türken: "Wir haben den Spielern von Anfang an gesagt, dass das eher eine Show der Türken ist. Die heulen jetzt ein bisschen rum", sagte Bierhoff dem Fernsehsender N24. "Terim ist ja auch erfahren genug, das ein bisschen auszuschlachten. Das versucht er jetzt für sich zu nutzen."
Der ehemalige Nationalstürmer spricht aus eigener Erfahrung. "1996, vor dem Finale, haben wir auch so ein bisschen rumgeheult, wie viele Verletzte wir haben. Und letztendlich haben wir gewonnen."
Zum Titelgewinn scheint durchaus auch das türkische Team fähig. Seine Stärke beruht in hohem Maße auf der totalen fußballerischen Flexibilität: Positionswechsel, Rochaden, Verschiebungen sind Markenzeichen dieser Mannschaft, neben Kreativität, Technik und Individualität. Das Team überraschte die Kontrahenten erstaunlicherweise ja immer dann, wenn diese den Sieg sicher zu haben glaubten. "Wir geben niemals auf, das gehört zu unserer Mentalität", sagt Emre Belözoglu, der seine Wadenverletzung wohl auskuriert haben dürfte und der eigentliche Lenker und Denker des flotten Kurzpassspiels ist.
Wer den türkischen Fußball bei dieser EM beschreiben will, dem fallen ad hoc immer nur die späten Tore ein. Doch dieses Ensemble bietet mehr - auch wenn sich das oft nicht auf den ersten Blick erschließt.
Das türkische Team, das unbekannte Wesen. Schon die Kroaten waren beim Studium von Spielaufzeichnungen verzweifelt: "Je öfter ich die Türken sehe, desto weniger kenne und verstehe ich sie", sagte Stürmer Ivica Olic. "Sie wissen ja selbst nicht, wie sie spielen. Nur eines kann man sagen: Sie spielen mit viel Herz und Emotion."
Sein Kapitän Niko Kovac wollte erkannt haben, "dass die Türken noch wilder als Österreich spielen." Trainer Slaven Bilic nannte den Spielstil dieser Mannschaft "improvisierte Organisation in der Offensive".
Der Ausgang ist bekannt: Die Kroaten ließen sich erst einschläfern, dann überrumpeln von jener Elf, die selbst Spielanalytikern Rätsel aufgibt.
Erstaunlich ist, dass die Türkei in ihren jüngeren EM-Endrunden (1996, 2000 und nun 2008) in elf Partien nur ein Tor vor der Pause erzielt hat. Das war im Jahr 2000 gegen Belgien beim 2:0. Sich mit dem Toreschießen ein bisschen Zeit zu lassen, ist offenbar türkische Masche. Ansonsten ergibt zum Beispiel die Bilanz gegen Kroatien auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches: 49 Prozent Ballbesitz, 13 Torschüsse, 23 Fouls, 139 gelaufene Kilometer – normal für zwei Stunden Fußball. Es muss also etwas Unberechenbares im türkischen Fußball stecken.
"Vieles wird erst auf dem Platz entschieden", sagt Hamit Altintop. "Wir haben einen wunderbaren Spielwitz und eine wahnsinnige Euphorie."
Altintop gibt nominell den rechten Abwehrspieler - wird aber zum Antreiber im Mittelfeld, wenn die Mannschaft mal wieder im Rückstand ist. So wurde der in Gelsenkirchen geborene Deutsch-Türke in den Spielen gegen Tschechien und Kroatien zum entscheidenden Wegweiser. Und legte im Viertelfinale die unglaubliche Wegstrecke von 14.216 Metern zurück.
Der deutsche Mittelfeldspieler Simon Rolfes drückt es so aus: Die Türken "überraschen durch ihre Unordnung".
Und das nicht nur auf dem Platz. Erst wohnte das Team im feudalen Quartier "La Reserve" in Genf, dann zog sie in eine abgeschiedene Luxusherberge in der Wachau, das Steigenberger Avance in Krems - und dann in das Hilton Hotel am Wiener Stadtpark. So viel Unstetigkeit ist bei keiner anderen Mannschaft.
Wo die türkische Nationalelf im Fall des Weiterkommens residieren wird, wird wohl ganz spontan geplant – wie so vieles beim Überraschungsteam der EM 2008.
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