Aus Tenero berichtet Cathrin Gilbert
Es gibt viele Sportler, die sich für unersetzlich halten. Zumindest glauben sie das. Damit es auch die anderen glauben, unterstreichen sie ihre außergewöhnliche Führungsrolle im Team bei jedem öffentlichen Auftritt mit markigen Worten.
DFB-Kapitän Ballack (l.): "Jeder brennt"
Das war nicht immer so. In seiner ersten Saison spottete der damalige Trainer von Sheffield United, Neil Warnock, nach einem Heimspiel gegen den FC Chelsea über den Mittelfeldspieler: "Man musste in seiner Nähe nur ausatmen, dann fiel er schon um." Ballack hatte in dieser Begegnung den 2:0-Endstand erzielt. Ein halbes Jahr später kritisierte der ehemalige Liverpool-Spieler Alan Hansen in seiner Funktion als TV-Kommentator: "Michael spielt, als hätte er eine riesige Zigarre im Mund."
Doch die Tage des Spottes liegen hinter dem gebürtigen Görlitzer. Er gesteht, dass er in die Rolle des Anführers nach und nach habe hineinwachsen müssen. Er sei kein Spieler, der diesen Part in der Öffentlichkeit einfordere. "So etwas funktioniert nicht ohne eine wirklich gereifte Persönlichkeit." Jetzt aber spüre er, dass er im richtigen Alter sei, Einfluss auf die Spieler zu nehmen. "Das muss und will ich", sagt Ballack. Aber sein Einfluss reicht nicht nur bis zu seinen Mitspielern. Auch für Joachim Löw ist der DFB-Kapitän mittlerweile unersetzbar. Er berief ihn als Moderator bei der Mannschaftssitzung nach der 1:2-Blamage in der EM-Vorrunde gegen Kroatien. Eine Entscheidung, die Ballack unterstützte: "Es war wichtig, dass man die Probleme sofort anspricht, schließlich sind wir Gefahr gelaufen, aus dem Turnier auszuscheiden. Da bedurfte es ein paar kritischer Worte auch innerhalb der Mannschaft, um nachher nicht blöd dazustehen."
Aber vor allem bei risikoreichen Entscheidungen wie dem Festhalten an Jens Lehmann als Stammtorwart des DFB während dessen schwieriger letzten Saison beim FC Arsenal, bei der Auswahl des endgültigen EM-Kaders oder der Systemumstellung vor dem Viertelfinale gegen Portugal, fragt Löw seinen Kapitän nach dessen Einschätzung.
Es habe gegen Kroatien einfach an Kreativität, Leidenschaft und Begeisterung gefehlt, sagt Ballack. Deshalb sei er der Meinung gewesen, dass das System von 4-4-2 auf 4-2-3-1 geändert werden müsse. Der Vorschlag sei aber vom Trainer gekommen. Diese Betonung ist ihm sehr wichtig. "Der Bundestrainer fällt die Entscheidungen", sagt Ballack: "Er haftet ja auch." Spekulationen, er habe die Änderung befohlen, irritieren ihn. Weil sie nicht zu seinem über Jahre gewachsenen Führungsstil als Mannschaftskapitän passen. Zinedine Zidane ist sein großes Vorbild: "Weil er auf Grund seiner Spielweise und Klasse ein Anführer für die Mannschaft war."
Und nicht wegen Selbstüberschätzung oder lauter Parolen. Es ist die Kombination aus spielerischer Klasse und respektvoller Zusammenarbeit mit dem Bundestrainer, die Ballack bei dieser Europameisterschaft auszeichnet.
Ob er sich im Halbfinale gegen die Türkei (Mittwoch, 20:45 Uhr, Liveticker auf SPIEGEL ONLINE) wieder vor der Abwehr in den Dienst der Mannschaft stellen wird oder abgeschirmt durch zwei Sechser Freiheiten nach vorne genießen darf - Ballack wird seine Rolle voraussichtlich meistern. Egal auf welches System Löw vertrauen wird, er weiß, dass der Kapitän mit seiner Erfahrung hinter ihm steht und die Mannschaft mitreißen will. Wie im Spiel gegen Portugal, in dem Ballack laut Zidane "die Mannschaft überragend geführt hat".
Ballack ist kein Kopfmensch. Selbst wenn viele Entscheidungen im Kopf entstehen, muss er ein gutes Gefühl haben, egal was er tut. In dieser Nationalmannschaft hat der 31-Jährige ein gutes Gefühl. Deshalb funkeln seine Augen, wenn er sagt: "Jeder brennt. Wir wollen den letzten Schritt mit Leidenschaft und Aggressivität gehen. Die Chance ist gut. Es liegt jetzt nur noch an uns."
Und vor allem an ihm. Ballack muss für den Fall des Finaleinzugs beweisen, dass er auch Endspiele auf internationalem Top-Niveau gewinnen kann. Diesen Beweis ist er bislang schuldig geblieben. Doch wenn man sich an den Blick vom Freistoßtor gegen Österreich erinnert, dann sieht alles danach aus, als stünde er kurz vor seinem ersten großen Triumph.
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