Aus Wien berichtet Ronny Blaschke
Russland hat ein neues Gesicht. Es hat weiche Züge, gerötete Wangen, es wirkt unbekümmert, selbstbewusst. Das Gesicht ist in allen Zeitungen zu sehen, auf jedem Fernsehkanal, es ist verschwitzt, die Augen sind zusammengepresst, um Freudentränen zu unterdrücken.
Das Gesicht gehört Andrej Sergejewitsch Arschawin, über den die Welt in den vergangenen Tagen viel gelernt hat: Er ist schnell wie ein Windhund, dribbelstark, treffsicher. Er soll ein großer Star werden, glauben die Russen, vielleicht der größte ihrer Fußballgeschichte.
Europa staunt und blickt neidisch nach Osten. Die russischen Fans sind stolz, sie fühlen sich geehrt. Die Politiker wittern eine große Chance.
Russland-Stürmer Arschawin: Zwei Spiele, zweimal ausgezeichnet
Sportler sind in Russland nicht nur Sportler, sie sind Botschafter, Diplomaten, obwohl sie keine langen Reden halten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Staatschef Dmitrij Medwedew den stürmischsten aller Stürmer im Kreml begrüßen wird. Fotografen werden kommen, Kamerateams, sie werden Bilder von lächelnden Männern mit Krawatten in die Welt schicken.
Andrej Arschawin, 27, ist Profifußballer, er schießt viele Tore, und er ist Mitglied der konservativen Partei "Einiges Russland". Arschawin profitiert von der Politik – Wladimir Putin, der Premierminister, profitiert von Arschawin. Mit jedem Tor, das er bei der EM noch schießen sollte, im Halbfinale gegen Spanien am Donnerstag in Wien (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) oder vielleicht am Sonntag im Finale, würde auch die Partei Beachtung finden.
Ex-Präsident Putin hat die Instrumentalisierung des Sports zur Perfektion getrieben. Auf dem Rücken von Athleten und Mannschaften kann sich das Riesenreich im Ausland als weltoffene Nation präsentieren und innerhalb der Grenzen als beneidenswerte Supermacht.
Heißblütig und pathetisch werden Tore wie Heldentaten beschrieben, über eine rigide Politik, in der Oppositionelle verfolgt werden, spricht niemand. Arschawin spielt seit seiner Jugend für Zenit St. Petersburg, wie Putin ist er im einstigen Leningrad aufgewachsen. "Einiges Russland", die Partei Putins, hat in der liberalen Metropole im Nordwesten des Landes weniger Macht als in anderen Städten und Regionen. Das soll sich ändern, mit Hilfe des Parteikickers. Nicht mit Worten. Sondern mit Toren.
Anfang 2007 kandidierte Arschawin bei den Wahlen zum Stadtrat. Er gewann ein Mandat, antreten wollte er es nicht. Ende des Jahres engagierte er sich vor den Parlamentswahlen. Sein Foto wurde in Zeitschriften abgebildet, versehen mit dem Schriftzug: "Wählt Putins Petersburg". Zugleich darf Arschawin ein fürstliches Leben führen.
Gasprom, Besitzer von Zenit, überweist angeblich ein Gehalt von umgerechnet mehr als zwei Millionen Euro im Jahr. Er fährt Limousine, während seine Kollegen im Bus sitzen. Vor einigen Wochen durfte er die Olympische Fackel durch seine Heimatstadt tragen. Sein Gesicht wird für Benefizveranstaltungen genutzt. Arschawin ist mit Zenit Meister geworden, gerade hat er den Uefa-Pokal gewonnen. Bei der EM wurde er zweimal als Spieler des Spiels geehrt. Gegen Schweden (2:0) und im Viertelfinale gegen die Niederlande (3:1 nach Verlängerung) traf er jeweils einmal. Doch sein Potential ist größer: Im Sport und in der Politik.
Finanziell hat er es nicht nötig, dennoch ist es wahrscheinlich, dass Arschawin nach der EM zu einem europäischen Spitzenclub wechseln wird, vielleicht zum FC Arsenal, vielleicht zum FC Barcelona ("Ich würde sehr gerne bei Barcelona spielen") - 15 Millionen Euro dürfte seine Vertragsunterschrift kosten. Putin und seine milliardenschweren Freunde aus der Energiebranche hätten einen internationalen Werbeträger mehr, auf den sie stolz mit dem Finger zeigen könnten. Verdrängt sind die Zeiten, da die Bevölkerung der sowjetischen Dominanz im Spitzensport nachtrauerte. Neue Helden hat das Land: den Basketball-Europameister, den Eishockey-Weltmeister. Und womöglich bald den Fußball-Europameister?
Als Präsident stellte Putin stets seinen sportlichen Stolz zur Schau, Medwedew wird es nicht anders handhaben.
Erfolgreich hat Putin das Image widerlegt, wonach sein Land von kugelrunden Wodkatrinkern regiert wird. Milliarden wurden in Sportstätten investiert, politische Freunde und Gegner sorgten sich öffentlich um die Gesundheit des Volkes. Damit nicht genug: Putin versetzte den Fußballverein Terek Grosny zurück in die Profiliga, aus der er zu Beginn des Tschetschenien-Krieges verbannt worden war. Das sollte ein bisschen Normalität zeigen.
Putin zeigte sich auf der Skipiste, beim Judo oder mit freiem Oberkörper beim Angeln. Auch sein Nachfolger und Schüler gibt sich offensiv, nach dem Halbfinaleinzug bot Medwedew Russlands Nationaltrainer, dem Niederländer Guus Hiddink, die Staatsbürgerschaft an. Problemlos wurden die strengen Reiserichtlinien gelockert, die Visa der russischen Fans in Österreich wurden verlängert.
Wozu dieses Netzwerk fähig ist, hat sich bei der Vergabe der Olympischen Winterspiele 2014 gezeigt. Mit der schlechtesten Bewerbung erhielt der Badeort Sotschi den Zuschlag.
Durch den Erfolg der Fußballer um Arschawin glauben Putin und Medwedew weitere Argumente auf ihrer Seite zu haben. Die Russen brüsten sich mit dem Aufschwung ihres Fußballs. Hooligans, leere Stadien, Manipulationen, Korruption, Doping oder fehlende Rentabilität in der Premier Liga erwähnen sie nicht. "Es ist eine Herausforderung, den Erfolg der EM zu nutzen, um die Infrastruktur zu verbessern", sagte Guus Hiddink am Mittwoch vor 80 Kameras. Er leistet beachtliche Arbeit, sie wird ihm aber auch durch eine Millionengage und eine Nobelsuite erleichtert.
Hiddink lobte Arschawin als außergewöhnlichen Spieler. Dass er launisch und ein wenig selbstverliebt ist, erwähnte er nicht. Während des Trainings schleicht er oft lustlos über den Rasen, kaut Kaugummi und scherzt mit Kollegen. Die ersten beiden EM-Spiele verpasste er wegen einer Rot-Sperre. Nach dem Platzverweis hatte das russische Magazin Vlast gefragt: "Soll Arschawin aus der Partei ausgeschlossen werden?" Heute würde sich das niemand trauen, falls doch, könnte Arschawin woanders in Erscheinung treten. Er ist ausgebildeter Modedesigner.
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