Aus Wien berichtet Christoph Biermann
Wien - Von einer Sorge dürfte Bundestrainer Joachim Löw an diesem Donnerstagabend verschont geblieben sein, als er sich zur Bettruhe begab: dass seine Männer plötzlich Favoriten sind und leichtfertig werden. Spanien hat im Halbfinale Russland 3:0 besiegt - und das so strahlend, so überwältigend, dass die Rollen am Sonntag beim Endspiel in Wien (20.45 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE) klar verteilt sind.
Spaniens Trainer Luis Aragonés wollte nach dem Triumph zwar noch den Deutschen den Part des Favoriten zuspielen, "weil sie mehr an Endspiele gewöhnt sind" - aber letztlich entschied er: "Mir ist egal, wer Favorit ist." Zu offensichtlich hatte die spanische Mannschaft demonstriert, dass sie inzwischen alles kann. Sie waren richtig grausam gegen die Russen.
Dass die Spanier blitzartig kontern können, hatten sie schon vor zwei Wochen bei ihrem 4:1-Sieg über Russland in der Vorrunde bewiesen. Jetzt ging es im Halbfinale wieder gegen das Team von Guus Hiddink, und da führten sie vor, dass sie den Ball geduldig kreisen lassen können.
"Anfangs haben wir noch so gespielt, wie Russland es gefällt", sagte Aragonés. Seine Spanier schlugen zu viele lange Bälle nach vorne. Aber dann begannen sie ihre Kurzpasskombinationen aufzuziehen - und die Russen liefen nur noch hinterher.
Keine Mannschaft bei diesem Turnier verfügt über ein so gutes Mittelfeld. Denn es besteht nicht nur aus drei oder vier starken Spielern, sondern aus fünf oder sechs, die Aragonés je nach Bedarf neu kombinieren kann.
Mehr als nur Reservisten auf der Bank
Bester Spanier gegen Russland war Cesc Fabregas, der für den verletzten Stürmer David Villa eingewechselt wurde und das spanische Spiel endlich so inspirieren konnte wie sonst das des FC Arsenal.
Dass Aragonés eine Bank hat, auf der mehr als nur Reservisten sitzen, zeigte sich auch bei seinen Wechseln im Sturm. Güiza kam für Torres und schoss das zweite Tor. Silva, der nach der Auswechselung von Villa ansatzweise den Part der zweiten Spitze übernahm, schoss den dritten Treffer.
Überhaupt ist diese Mannschaft bis auf wenige Ausnahmen sehr stark besetzt. Iker Casillas im Tor verbreitet viel Sicherheit. Und dass er in diesem Turnier nur acht schwere Schüsse halten musste, sagt viel über die Qualität der Leute vor ihm. Der gebürtige Brasilianer Marcos Senna hängt sich im defensiven Mittelfeld ins Geschirr wie ein Wasserbüffel, und gegen Russland war der zur Überheblichkeit neigende Sergio Ramos als Rechtsverteidiger mit spielentscheidend.
Nachdem die Spanier die für sie psychologisch hohe Hürde des Viertelfinales geschafft hatten, wirkten sie gegen Russland auch wieder besser ausbalanciert als gegen Italien. Sie griffen nicht übermütig an, waren aber auch nicht zu passiv.
Wo war das Powerplay der Russen?
"Wir haben ein starkes Team, das in den vergangenen zwei Jahren viel gelernt hat", sagte Aragonés. Die spanische Mannschaft ist nicht mehr die der Selbstzweifel, die im eigenen Land eher Desinteresse auslöst.
Statt Lust aufs Freilaufen zeigten sie plötzlich Lust auf Ruhepausen. Wo waren die Flankenläufe von Schirkow? Wo waren die Tempodribblings von Arschawin? Allein Roman Pawljutschenko, der Mann in vorderster Spitze, wirkte noch annähernd so agil wie vor fünf Tagen.
Und noch etwas Schädliches hatte sich ins russische Spiel eingeschlichen: Eigensinn. In einigen Situationen suchten der Nürnberger Iwan Saenko, Arschawin und Pawljutschenko selbst den Abschluss, wo ein Abspiel auf freistehende Kollegen durchaus hilfreich gewesen wäre. War das schon eine Reaktion darauf, dass die Russen in den vergangenen Tagen daheim und in ganz Europa als die neuen Stars des Fußballs gefeiert wurden? Auf jeden Fall bekamen sie am Ende ihr Spiel nur selten in Fluss.
"Unser Team verdient den Titel"
Und was heißt das alles für Löws Mannschaft?
"Wir haben ein großartiges Team", sagte Aragonés nach dem Spiel, "es verdient den Titel." Er freue sich schon auf ein Endspiel, "in dem wir Spanien gegen den kraftvollen Fußball sehen werden". Die Spanier wollen es diesmal packen.
Dem stehen aus Sicht des Trainers nur die ewigen Weisheiten des Fußballs im Weg. Weshalb Aragonés auch Gary Lineker zitierte, der bekanntlich einmal gesagt hat, dass Fußball ein Spiel für 22 Leute ist, bei dem am Ende immer Deutschland gewinnt.
Dieses Turnier jedenfalls hat gelehrt wie wenig andere zuvor, dass in jedem einzelnen Spiel die Glanzleistungen aus dem vorherigen nicht zählen - sondern alles wieder auf Anfang steht.
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