Aus Wien berichtet Ronny Blaschke
Wien - Die italienische Journalistin muss sich beruhigen: "Wo ist Ballack?", fragt sie. "Wo ist Ballack?" Nervös tippt sie die Nummer ihrer Agentur in ihr Handy ein, sie muss die Nachricht weitergeben, möglichst schnell. Michael Ballack, der Kapitän der deutschen Mannschaft, ihr Anführer, ihr Taktgeber, hatte nicht trainieren können am späten Nachmittag im Wiener Ernst-Happel-Stadion. Das ist eine wichtige Nachricht für sie – nicht nur für sie. Gut hundert Kamerateams sind vor Ort, etwa 500 Journalisten. Sie diskutieren, telefonieren, bearbeiten die Tastaturen ihrer Laptops. Als würde gleich ein Dutzend Staatschefs um die Ecke biegen. Von Ballack ist nichts zu sehen. Wo ist Ballack?
Kapitän Ballack: Wenig Hoffnung auf Einsatz im Finale
Um kurz nach 19 Uhr betritt der Bundestrainer den Presseraum am Rande des Happel-Stadions. Er springt entschlossen auf das Podium, lächelt, nimmt einen Schluck Wasser. Der Pressesprecher der Uefa begrüßt ihn in gebrochenem Deutsch als Herrn Löh und stellt eine banale Frage. Die Antwort: "Ich erwarte einen Sieg. Das Turnier hat eine Menge Kraft gekostet, selbstverständlich werden wir noch einmal alle Kräfte mobilisieren."
Die erste Frage aus dem Publikum betrifft - wenig überraschend - Ballack. Löw berichtet von einer lädierten rechten Wade des Mittelfeldspielers und von einer Muskelverhärtung, die erst am vergangenen Freitagmorgen bemerkt worden war. Bis Samstagabend konnte der medizinische Stab den Zustand nicht wesentlich verbessern, obwohl er im Mannschaftshotel rund um die Uhr mit Ballack beschäftigt ist. "Wir werden abwarten müssen, wie sich das über Nacht entwickelt", sagt Löw. "Wir müssen uns ernsthafte Gedanken machen."
Selbstverständlich, fügte Löw noch hinzu, müsse ohne Ballack nicht das komplette taktische System verändert werden. Als ein wenig zu viel Untergangsstimmung aufkam, schien er dagegen anreden zu wollen: "Ich habe ihn grundsätzlich nicht abgeschrieben." Besonders glaubhaft klangen Löws Worte nicht. Thomas Hitzlsperger, der neben ihm saß, stimmte ein: "Er ist ein sehr wichtiger Spieler, er hat so viele Tore für uns geschossen. Wir brauchen ihn."
So zeichnet sich wenige Stunden vor dem Endspiel gegen Spanien ein fußballerisches Trauerstück ab. Als der Unvollendete wird Ballack bezeichnet. Mit Leverkusen sammelte er zweite Plätze. Auch wenn er mit dem FC Bayern drei Meisterschaften und drei Pokalsiege feiern konnte, so blieb immer auch ein Makel an ihm haften. Prägend war die WM 2002, als er wegen seiner zweiten Gelben Karte im Endspiel gesperrt war. Vor wenigen Wochen verlor er im Finale der Champions League mit dem FC Chelsea gegen Manchester United. Auf dem brutalsten aller Wege: 5:6 im Elfmeterschießen. In allen Zeitungen waren Fotos zu sehen, wie Ballack enttäuscht zusammenbrach.
Wie würde er die Fortsetzung dieser schwarzen Serie in Wien verkraften? Joachim Löw versuchte sich an einer Antwort: "Er war nicht absolut niedergeschlagen, er war optimistisch."
Trost spendete Carles Puyol, Verteidiger der Spanier: "Michael Ballack ist ein sehr wichtiger Spieler. Er würde mir Leid tun, wenn er nicht spielen könnte." So wird das EM-Finale vermutlich auf zwei große Spieler verzichten müssen, auf Ballack und auf den spanischen Stürmer David Villa, der sich im Halbfinale gegen Russland (3:0) verletzt hatte. Der Unterschied: Villa ist 26, Ballack fünf Jahre älter. Viele Chancen auf ein großes Finale wird der Kapitän nicht mehr erhalten.
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