Von Dirk Gieselmann
Wer Spieler individuell motivieren möchte, muss sich von der überkommenen Vorstellung von den elf Freunden lösen, so romantisch sie sein mag. "So was wie die Mannschaft gibt es nur virtuell", sagte Diplomsportlehrer Peter Boltersdorf, als er den Schalker Ex-Trainer Mirko Slomka beriet. Die Reiss-Methode, für die Boltersdorf im deutschsprachigen Raum als Vorreiter gilt, liefert dafür auch keinen Ersatz.
Diese vom amerikanischen Psychologieprofessor Steven Reiss benannte Methode will Wollen und Handeln von Personen in Einklang bringen. Probanden füllen einen Fragebogen zu ihren individuellen Bedürfnissen aus, in dem sie bestimmte Aussagen wie "Prestige ist sehr wichtig für mich" auf einer Skala von minus drei ("völlig falsch") bis plus drei ("stimmt völlig") bewerten. Die Ergebnisse werden zu einem Persönlichkeitsdiagramm komprimiert.
Aus den etwa 200 Fragebögen, die von Bundesliga-Profis ausgefüllt wurden, hat sich – abgesehen von dem erwartbaren Bedürfnis nach körperlicher Aktivität und dem Familiensinn – kein zentrales Motiv hervorgetan, das sich auf Fußballer im Allgemeinen beziehen ließe.
In manchen Mannschaften ist die emotionale Verbundenheit unter den einzelnen Spielern stark ausgeprägt, andere wiederum bestehen vorrangig aus Einzelkämpfern, die nach Autonomie streben. Der Kicker schlechthin, der aus unserer Erinnerung an die Schnauzbartträger der achtziger Jahre zum Klischee geronnen ist, scheint - sollte es ihn je gegeben haben - nicht mehr zu existieren.
Die Ursache dafür ist in der Zerfaserung der Gesellschaft an sich zu suchen. Gilden, Zünfte, ja ganze Schichten und Milieus durchdringen einander: Einst war ein Dreher ein Dreher, ein Lehrer ein Lehrer, ein Kicker ein Kicker, und sie blieben unter ihresgleichen. Heute treffen die drei sich und beeinflussen einander. Wenn ein Fußballtrainer also vor 25 Spielern steht, kann er von 25 verschiedenen Lebensentwürfen ausgehen.
Die Reiss-Methode hilft ihm, aus dem diffusen Chor einzelne Stimmen herauszuhören. Er kann ermitteln, wen er zum Waldlauf schicken und wem er lieber einen Ball zuwerfen sollte, wer zu Rachegelüsten neigt und deshalb oft am Rande des Platzverweises schwebt. Und er kann vermeiden, Spieler zu Zimmergenossen zu machen, die einander nicht riechen können.
"Es gibt immer wieder Situationen, in denen man als Trainer nicht weiß, wie man mit einem Spieler umgehen soll", sagt Ralf Rangnick, Ex-Trainer von Schalke 04 und derzeit beim Neu-Bundesligisten Hoffenheim unter Vertrag. "Wenn man seinen besten Freund kennen würde, könnte man den um Rat fragen. Da das nicht möglich ist, habe ich den Reiss-Test als ein Hilfsmittel herangezogen." Besonders über Ailton, sein Sorgenkind beim FC Schalke 04, lieferte der Test ihm verblüffende Erkenntnisse. "Er hat ein extrem hohes Ruhebedürfnis", sagt Rangnick. "Das bedeutet, rein sportlich gesehen, dass er kein guter Elfmeterschütze ist. Wenn man zudem seine Rolle als Medienfigur betrachtet, muss man sagen: Sie kann ihm nicht recht gewesen sein."
Ob Ailton aus seinem Reiss-Ergebnis Konsequenzen gezogen hat, darf bezweifelt werden. Die meisten Profis haben kaum Interesse an ihrer Motivstruktur. Der Diplom-Psychologe Markus Brand, Leiter des "Instituts für Lebensmotive" in Köln, sagt: "Die meisten Athleten sehen die Reiss-Methode wie einen psychologischen Laktat-Test und denken: Es reicht, dass der Trainer meine Werte kennt, dann weiß er, wie ich meine Leistung bringen kann."
Psycho-Experten als entscheidender Vorteil
Dabei täten viele Fußballer gut daran, sich ein Bild von sich selbst zu machen. 25, 30 Jahre verschreiben sie sich dem Fußball. Doch was kommt danach? Über dieser Frage verzweifeln viele, wenn das Karriereende naht. Markus Brand: "Ich bin davon überzeugt, dass Sebastian Deisler nach seiner Verletzung nicht in eine psychische Krise geraten wäre, wenn er seine Perspektive über den Fußball hinaus gekannt hätte und sein Selbstbewusstsein gezielt gefördert worden wäre."
Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch Spieler beginnen, ganzheitlich über sich nachzudenken. Viele Trainer tun dies schon. Sie wissen: Im WM-Finale 1954 gab Schuh-Experte Adi Dassler den Ausschlag – heute können ihnen Experten für die Psyche den entscheidenden Vorteil verschaffen. In Hoffenheim arbeitet Ralf Rangnick mit Fachleuten wie dem Psychologen Hans-Dieter Hermann zusammen. Sie legen ihm Dossiers über die Spieler vor – eine profunde Basis für Einzelgespräche.
Vormals lag solchen Unterredungen eine asymmetrische Vater-Sohn-Konstellation zugrunde. Vom Trainer ins Gebet genommen zu werden und, ganz dicht an seine Ballonseide gepresst, Anekdoten, Kriegsmetaphern und Binsenweisheiten zu hören – peinlich berührend und oftmals ineffektiv. "Früher konnte der Trainer damit viel kaputt machen, weil er sagte, was er selbst gern hören wollte – der Spieler aber überhaupt nicht", sagt Diplom-Psychologe Brand. Auch Rangnick hat festgestellt: "Es nützt nichts, wenn ich einen Spieler nur abstrafe. Dann geht er nach Hause und denkt: Jetzt stehe ich stramm, aber ich verstehe gar nicht, was der Coach von mir will." Mit dem aus dem Reiss-Test gewonnenen Wissen kann ein Trainer seine Appelle persönlicher gestalten: Lauf für deine Familie, lauf für deinen neuen Porsche, lauf für die Party danach!
Was aber, wenn er vor versammelter Mannschaft steht? Die Zeit der Kabinenpredigt ist unwiederbringlich vorüber. "Darunter versteht man doch gemeinhin, dass ein Trainer das Rumpelstilzchen macht", so Rangnick. "Das kann ich aber höchstens zweimal in der Saison bringen." Um genauer agieren zu können, greift der Trainer auf sogenannte Teamprofile zurück, aus denen er die Bedürfnisse seiner Spieler abstrahiert und innerhalb seiner Ansprache in drei, vielleicht vier Appelle umwandelt. Eine koordinierte Streuung, die es wahrscheinlicher macht, dass er alle Spieler erreicht.
Der pauschale Befehl "Haut sie durch die Wand", den der eigentlich so progressive Klinsmann seinen Spielern 2006 vor dem WM-Gruppenspiel gegen Polen erteilte, erscheint da wie ein Rückfall. Klinsis Sommermärchen-Performance zeigt aber auch, was Trainer bewirken können, wenn sie sich trotz aller analytischen Kapazitäten das Recht vorbehalten, ein bisschen irrational zu sein. Manchmal wird Fußball eben doch mit dem Bauch entschieden. Da können die Psychologen sich auf den Kopf stellen.
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