SPIEGEL ONLINE: Herr Enke, Hannover hat sich vor dieser Saison mit Stars wie Mikael Forssell und Jan Schlaudraff verstärkt, der Uefa-Cup ist das Ziel. Wie wichtig ist internationale Erfahrung, um als Nationaltorwart bestehen zu können?
Enke: Mich hat die Auslandserfahrung im persönlichen Bereich wahnsinnig weiter gebracht. Hier in Hannover gibt es viele Spieler, die unbedingt ins Ausland wollen, das ist bei mir einfach nicht mehr so - auch wenn wir privat vielleicht irgendwann wieder in Portugal leben werden. Als Torwart kann ich die Bundesliga aber absolut genießen. In keiner Liga gibt es solche Stadien, so ein Zuschauerinteresse.
SPIEGEL ONLINE: Im sportlichen Bereich war die Zeit in Portugal, Spanien und der Türkei weniger prägend?
Enke: Auf keinen Fall. Allein, weil ich José Mourinho als Coach hatte. Er wusste schon damals, als völlig unbekannter Trainer von Benfica Lissabon, ganz genau, was er wollte. Er versteht sehr viel von Fußball, hat Ausstrahlung und Persönlichkeit. Mourinho lässt aber nie irgendetwas auf seine Spieler kommen. Leider hatte ich ihn nur drei Monate. Trotzdem war ich sauer, als er kürzlich in einem Interview sagte, er hätte als ersten Deutschen Michael Ballack trainiert.
SPIEGEL ONLINE: Zusammen mit Ballack werden Sie gegen Belgien im Nationalmannschaftstrikot auflaufen - ob Sie damit dauerhaft die Nummer Eins sind, ist jedoch offen. Ist René Adlers Verletzung Ihr Glück?
Enke: Nein. Es tut mir leid für René, dass er sich gerade jetzt verletzt hat. Aber ich denke, die Verletzung ist nicht so schwer, so dass er bald wieder spielen kann.
SPIEGEL ONLINE: Was spricht für Sie, was für Adler?
Enke: Darüber würde ich nie öffentlich reden. Schon gar nicht über das, was er besser kann als ich.
SPIEGEL ONLINE: Reden Sie beide denn darüber?
Enke: Nein, obwohl wir bei der EM oft zusammensaßen. Aber stellen Sie sich das doch mal vor. Da sitzen Sie vor Ihrem Teller, schauen sich tief in die Augen und sagen: Mensch, René, was denkst du eigentlich, wer von uns beiden spielt, wenn Lehmann aufhören sollte? So funktioniert das nicht.
SPIEGEL ONLINE: Man löffelt also seine Suppe und spricht ein paar Wochen lang über das Wetter?
Enke: Das war zwischen René und mir überhaupt keine unangenehme Situation, falls Sie das meinen. Was soll man denn auch sagen: René, Du hast eh keine Chance?
SPIEGEL ONLINE: Es gab Torhüter, die das gemacht haben. Jens Lehmann und Oliver Kahn haben sich jahrelang auch verbal bekämpft.
Enke: Gab es, aber die Zeiten sind vorbei. Ich finde es wichtig, dass man mit der Konkurrenzsituation vernünftig umgeht.
SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie bei Timo Hildebrand angerufen haben, als Sie erfahren haben, dass er nicht für die EM nominiert werden würde?
Enke: Ich habe das nicht an die Presse gegeben. Aber wenn man zwei Jahre zusammengearbeitet hat, ist so ein Anruf ganz normal. Ich glaube, Timo hat nicht damit gerechnet, dass es so kommen würde. Er hat sicher - wie ich übrigens auch - damit gerechnet, dass er im EM-Kader sein würde.
SPIEGEL ONLINE: Hätte Hildebrand Sie im umgekehrten Fall auch angerufen?
Enke: Ich denke schon.
SPIEGEL ONLINE: Beim DFB wird solches Verhalten dem Vernehmen nach gut geheißen. Warum ließ man es Lehmann dennoch so lange durchgehen, dass er sich gegenüber seinem Rivalen beim FC Arsenal ganz anders verhalten hat?
Enke: Das kann man nicht vergleichen. Jens hatte eben ein schwieriges Jahr hinter sich und dachte, dass er besser ist als Manuel Almunia. Er hat am Horizont die EM gesehen.
SPIEGEL ONLINE: Persönlich hatten Sie ein halbwegs normales Verhältnis?
Enke: Auf jeden Fall, überhaupt kein Problem. Jens ist ja jemand, der sich ganz anderen Dingen gegenüber öffnen kann, wenn er vom Platz runter ist. Was seine Position angeht, ist er natürlich schon sehr, sehr ...
SPIEGEL ONLINE: ... ehrgeizig?
Enke: Genau. Ehrgeizig.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es interne Absprachen beim DFB, oder erfahren Sie auch erst in ein paar Tagen, ob Sie gegen Belgien spielen?
Enke: So etwas wie eine interne Sprachregelung, über die ich jetzt nicht sprechen würde, gibt es nicht. Wirklich nicht.
SPIEGEL ONLINE: Es gab also in den vergangenen zwei Jahren nie ein Gespräch, in denen Ihnen vom Trainerstab eine Perspektive aufgezeigt wurde?
Enke: So würde ich das nicht sagen. Ich habe vom Trainerstab durchaus ein gutes Feedback für meine Arbeit bekommen. Und es war mir natürlich klar, dass man während der EM nicht über die Zukunft spricht. Es stand ja eigentlich vorher schon fest, dass Jens spielen würde, das war auch in Ordnung so.
SPIEGEL ONLINE: Jetzt geben Sie sich aber selbstloser, als Sie sind.
Enke: Nein, ich meine das wirklich so. Zumal sich die Möglichkeit, auch anderen Torhütern Spielpraxis zu geben, nicht ergab, oder man sie zu nutzen versäumt hat. Man hat sich dann auf Jens festgelegt und das war auch richtig so. Die Mannschaft war mit ihm eingespielt. Wenn man einen anderen Weg gegangen wäre, hätte man auch viel früher mir oder René Adler Spielpraxis geben müssen.
SPIEGEL ONLINE: Bei der EM waren Sie die Nummer zwei, Adler die Nummer drei. War das eine Vorentscheidung?
Enke: Ich ziehe daraus nicht den Schluss, dass ich jetzt automatisch die Nummer eins werde. Aber die Tatsache, dass ich Nummer zwei war, wird von den Boulevardmedien gerne mal übersehen. Manchmal ärgere ich mich schon, wenn ich lese, Enke gibt’s auch noch, der hat aber nur minimale Chancen.
SPIEGEL ONLINE: Sie lesen viel.
Enke: Vielleicht sollte ich mir wieder angewöhnen, das weniger zu machen.
SPIEGEL ONLINE: Ihr französischer Kollege Grégory Coupet sagt: Kaum jemand, der nicht selbst Torwart ist, kann kompetent über Torhüterleistungen urteilen.
Enke: Recht hat er. 70 bis 80 Prozent der Torwartparaden werden falsch bewertet. Der Torwart, der einen Ball über die Latte lenkt und unten die Beine wegzieht, damit das spektakulärer aussieht, kriegt manchmal drei Noten besser als jemand, der nicht fliegt, den Ball aber trotzdem sicher fängt.
SPIEGEL ONLINE: Woran liegt es, dass Sie offenbar eher unterschätzt werden?
Enke: Bei allem Respekt vor meinem Arbeitgeber: sicher auch an ihm. Leverkusen hat sich ja auch nicht fürs internationale Geschäft qualifiziert. Aber bei mir wurde es bei jeder Gelegenheit rausgekramt. Wobei ich nicht verstanden habe, warum man dann schlechtere Länderspiele machen soll. Ich traue es mir durchaus zu, mit meiner Bundesligaerfahrung gute Leistungen zu zeigen.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mal bereut, bei Hannover zu spielen?
Enke: Nein.
SPIEGEL ONLINE: Gerade klang das anders.
Enke: Es gab vor eineinhalb Jahren verschiedene Aspekte – auch private – die mich bewogen haben, den Vertrag zu verlängern. Ich habe es wirklich noch keine Sekunde bereut. Ich habe hier schon ein gewisses Standing im Club, bei den Fans, das ist nicht so oft zu finden. Es gab aber auch Phasen, in denen ich ins Grübeln gekommen bin. Dauernd hieß es: Hannover wird nie international spielen. Ich werde mir sehr genau anschauen, was in den kommenden zwei Jahren, in denen ich einen Vertrag habe, passiert.
SPIEGEL ONLINE: 96 scheint sich im Sommer tatsächlich gut verstärkt zu haben. Hängt das mit Ihnen zusammen, will man Ihnen eine Perspektive aufzeigen?
Enke: Ja, schon. Wir haben darüber gesprochen. Wir sind jetzt gerade auf einem sehr guten Weg. Früher hat sich die Mannschaft fast von selbst aufgestellt, heute herrscht auf vielen Positionen ein gesunder Konkurrenzkampf.
SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich dem Konkurrenzkampf im Nationalteam auch weiter stellen, falls Sie am Mittwoch auf der Bank sitzen. Oder hören Sie dann auf?
Enke: Eher nicht, es ist ja nicht gesagt, dass man dann aufgeben muss. Wenn ich mich ärgere, halte ich kurz inne und überlege mir, wo ich vor vier Jahren und drei Monaten stand, man wird dann schnell gelassener. Damals war ich in der zweiten spanischen Liga, bei CD Teneriffa, auf der Bank. Wenn man den ganzen privaten Bereich weglässt, kann ich schon sehr zufrieden mit den vergangenen Jahren sein.
Das Interview führte Christoph Ruf
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