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Paul Gascoignes Absturz Der Star, der alles hatte - und alles verlor

2. Teil: Der Redheugh Boys Club - Ausgangspunkt von Gascoignes Karriere

Einer von ihnen saß bei jenem WM-Halbfinale gegen Deutschland zu Hause vor dem Fernseher. Als Terry Ritson die Gelbe Karte für Gascoigne sah, sprang er wütend auf. "Das war's! Ich guck mir das Finale nicht an, ob wir es schaffen oder nicht." Ritson war Paul Gascoignes Trainer beim Redheugh Boys Club. Er kennt ihn seit der Kindheit, vier Jahre lang trainierte er den späteren Weltstar in einer Phase, als aus dem ballverliebten Dickerchen ein Lehrling bei Newcastle United wurde.

Ritson kann sich noch genau an den Moment erinnern, als ihm dämmerte, dass Gascoigne ein besonderer Spieler war. "Wir spielten gegen Cleveland Hall. Die waren viel größer und bulliger als meine Jungs. Der Platz sah aus wie eine Schweinefarm, wir standen knöcheltief im Matsch. Doch so sehr sie Paul auch tackelten und in die Zange nahmen, er klebte einfach am Ball und spielte die richtigen Pässe. Seine absolute Entschlossenheit hat mich beeindruckt. Gute Spieler hatten wir viele. Er aber hatte dieses Extra an sich, das man für ganz oben braucht."

Ritson weiß, wovon er redet. Der Redheugh Boys Club hat keine feine Postanschrift. Der hauptberufliche Physiotherapeut Ritson spricht über seinen berühmten Schützling wie über einen kleinen Jungen. Immer wieder kommen Spieler herein, um sich Termine für eine Behandlung geben zu lassen. Der Ton ist freundschaftlich, keiner geht ohne einen Witz oder ein gutes Wort. Redheugh macht Spaß, trotz der klaren Regeln. "Bei uns ist Fluchen und Rauchen verboten", sagt Ritson.

Paul Gascoigne ist nicht gerade für seine guten Manieren bekannt. Seine medial dokumentierten Entgleisungen reichten von Rülpsern bis hin zu einem herzhaften "Fuck off" als Kommentar zum nächsten Länderspielgegner Norwegen. Ritson runzelt die Stirn. "Ich weiß. Aber Paul hat nichts Schlechtes in sich. Er ist einfach ein Lausbub, hat immer Streiche gemacht und sich nie um die Konsequenzen geschert. Einmal hab' ich ihn vor einem Spiel mit dem Auto abgeholt, und er war vor den anderen in der Kabine. Da hat er alle Schuhe miteinander vertauscht und sich dann über die Sucherei der anderen totgelacht. Wir konnten das Spiel erst eine halbe Stunde später beginnen."

Es war der kleine Junge in Gascoigne, der ihn zu einem großen Spieler gemacht hat. Vor dem WM-Halbfinale gegen Deutschland war er kaum Herr über seine Vorfreude. Während seine Mitspieler bei der Hymne konzentriert und sinnschwer vor sich hinstarrten, lachte Gascoigne von einem Ohr zum anderen, wie ein Kind vor dem reichgedeckten Geburtstagstisch.

Der langweilige Fehlervermeidungsfußball von heute, mit dem sich England nicht für die EM in diesem Jahr qualifizieren konnte, war ihm fremd. Seine größten Tore waren das Produkt aus Mut, Entschlossenheit, Technik und einem gehörigen Schuss kindlicher Unbefangenheit. Mit diesem Mix kam er bei der EM 1996 zu einem Treffer gegen Schottland, der später in einer Umfrage zum englischen "Tor des Jahrhunderts" gekürt wurde. Auch Platz drei ging an Gascoigne. "Von da wird er es nicht direkt probieren", konnte der Kommentator des FA-Cup-Halbfinales 1991 zwischen Arsenal und den Spurs noch sagen, bevor Gascoigne seinem Nationalmannschaftskollegen David Seaman aus 35 Metern einen Freistoß in den rechten Winkel einschenkte.

Ein Leben in Hotels und Krankenhäusern

Ebenso unvergessen blieb das Interview nach dem Spiel, in dem er seiner Euphorie freien Lauf ließ: "Glücklich. Klar bin ich glücklich. Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen... Jetzt werd' ich mir erst mal einen Anzug fürs Finale schneidern lassen."

Mit der Nachtruhe war es immer so eine Sache. Schon 1990 wurde die Schlaflosigkeit Gascoignes aktenkundig. In seiner Biografie beschreibt er, wie er in der Nacht vor dem Deutschland-Spiel auf der Suche nach Zerstreuung durchs Hotel pilgerte und zur Entspannung gegen zwei Amerikaner im Tennis antrat, sehr zum Ärger seines Trainers Bobby Robson. Sein Leben, so schreibt er weiter, habe sich oft in Hotels und Krankenhäusern abgespielt. Dort gibt es immer Betrieb, feste Fahrpläne, einen Rhythmus und vor allem Menschen, deren Gesellschaft Paul Gascoigne von sich selbst befreit.

Einen Ort hat er in seiner Aufzählung vergessen: Taxis. Wer die banalen Geschichten über ihn hören möchte, über Messer, über Casinobesuche, den Umgang mit Geld oder seine Trink- und Drogengewohnheiten, der muss die Taxifahrer von Dunston Taxis in der Ravensworth Road fragen. Einer von ihnen ist Paul Keenan.

Keenan ist ein Altersgenosse seines Namensvetters und kennt Gascoigne seit Ewigkeiten. Überdies trainiert er in seiner Freizeit die U17 der Redheugh Boys. Der Fußballspieler Paul Gascoigne war einmal sein Idol, sagt Keenan. Jetzt macht ihm Gascoigne nur noch Sorgen. "Das letzte Mal habe ich ihn vor ein paar Monaten morgens um halb neun in der Apotheke getroffen. Er sah schlimm aus. Die Apothekerin hatte keine Ahnung, wer er war. Ich wünschte, es würde ihm besser gehen und Jimmy 'Five Bellies' hätte statt seiner diese Probleme."

Jimmy "Five Bellies" Gardner war über viele Jahre hinweg der berühmte Sancho Pansa von Paul Gascoigne. Es war eine Schuljungenfreundschaft weit jenseits ihres natürlichen Verfallsdatums, die ihr Vertrauen aus den gemeinsamen Wurzeln zog und deren zentrales Anliegen darin bestand, gemeinsam die Zeit totzuschlagen. Wie weit die finanziell motivierte Selbstaufgabe Gardners dabei ging, zeigt die Feuerzeugepisode aus Gascoignes Biografie. Wenn Gardner fünf Sekunden lang eine Feuerzeugflamme unter seiner Nase ertragen würde, versprach Gascoigne ihm 500 Pfund. Der tat es, zweimal, für einen Tausender. Gardner hat im Zirkus um seinen berühmten Kompagnon eine unterhaltsame und daher gut dokumentierte Nebenrolle gespielt. Die Rolle des Aufpassers, die Gary Lineker in jenem Halbfinale 1990 ausgeschrieben hatte, war um einige Nummern zu groß für ihn.

Lesen Sie am Dienstag im zweiten Teil: Welche Rolle Fußball für den jungen Paul Gascoigne spielte und wie seine Profikarriere einen unheilvollen Verlauf nahm

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