Das Problem Paul Gascoignes sind nicht die falschen Abzweigungen seiner Laufbahn, selbst wenn sie manchmal von Leuten beeinflusst wurden, vor denen ihn Terry Ritson gewarnt hätte. Auch mangelnde Intelligenz ist nicht das Hauptproblem, obwohl viele prominente Namen sich nicht eben vorteilhaft über Gascoignes Intellekt geäußert haben. "Doof wie eine Bürste", hat Bobby Robson gesagt, und von George Best ist der Satz "Seine Rückennummer ist höher als sein IQ" überliefert. Gascoignes Probleme sind anders gelagert.
Sein Problem ist seine Verkabelung, seine Taktung, der Jahrgang des nordenglischen Holzes, aus dem er geschnitzt ist, so wie viele Altersgenossen, die keine Stars geworden sind und seine Probleme im Stillen teilen. Gascoigne trägt ein ungesundes Maß an Chaos in sich, die Traumata seiner Kindheit haben ihm nicht gut getan. Seine fehlende Mitte machte ihn zu einem leichten Ziel, vor allem für die Medien. Bezeichnend dafür war das Interview, das er 2005 nach seinem alkoholbedingten Rauswurf als Trainer von Kettering Town gab und das es nie hätte geben dürfen. Ein unter dem Einfluss von Alkohol, Tabletten oder beidem stehender Gascoigne faselte unfassbaren Unsinn in das Mikrofon eines gierig nachfragenden Journalisten.
Gascoignes öffentliche Auftritte wirkten oft albern, seine Possen überdreht und die Äußerungen naiv. Regelmäßig blitzte aber in seinem Witz auch ein Maß geistiger Frische auf, das den Verdacht eines tumben Verstandes im Keim ersticken muss. Dumme Menschen haben nicht Paul Gascoignes Probleme. Gerade George Best, dessen Name als Parallele immer als erster fällt, hätte es besser wissen müssen. Beide Spieler eint ihr Hintergrund in der Arbeiterklasse, ihr Genius am Ball, ihre individuelle Unfähigkeit im Umgang mit Ruhm und Verehrung, das fußballzentrierte Weltbild und die Leere danach. Und sie eint das gesellschaftliche Problem, dass ihre Sucht lange Zeit weder als anormal noch als Krankheit gesehen wurde.
Den schwerverdienenden Fußballgöttern wurde schlicht das Recht abgesprochen, an den Problemen des Andy Capp, des Durchschnittsmenschen von der Straße, zu leiden. Ihr Suff war natürlicher Bestandteil des Fußballuniversums, akzeptierte Medikation gegen die Last der Popularität und Katalysator für die Show auf dem Platz. Wenn Gascoigne in der Halbzeitpause des schottischen Pokalendspiels in kompletter Montur an der Bar der VIP-Lounge einen doppelten Brandy kippt und in der zweiten Halbzeit zwei Tore schießt, ist er im Mikrokosmos der Machowelt Fußball, in der das nächste Tackle das letzte sein kann, nicht der bedauernswerte Alkoholiker, sondern der gefeierte Held.
Best gab dabei eher den entrückten und manchmal gar zynischen Trinker, dem eine Welt suspekt zu sein schien, in der gestandene Männer bei seinem Anblick zu stotternden Schatten ihrer selbst wurden. Gascoigne hingegen verstieg sich in die Rolle des unreflektierten Narren, der gefallen wollte und sich abseits des Platzes nur in Possen vergessen konnte. Noch etwas unterscheidet die beiden Sportsmänner, die um den zweifelhaften Vorsitz im Pantheon der selbstzerstörerischsten Kicker Britanniens zu streiten scheinen: ihre Heimat. In den Monaten vor George Bests Tod stimmten die gegnerischen Fans ein grausames Lied an, wenn es gegen Manchester United ging: "Could you go a can of stella, Georgie Best? Could you go a can of stella, your liver’s going yella, you’ll be dead by christmas, Georgie Best." - "Kannst du noch eine Dose Stella vertragen, Georgie Best? Deine Leber ist gelb, Georgie Best. Weihnachten wirst du tot sein, Georgie Best."
So zynisch und so brutal wahr der Song am Ende sein mochte, er sollte die Fans von ManUnited treffen und sprach George Best damit eine fußballerische Heimat zu. Zu den traurigen Fakten über den Nomaden Paul Gascoigne gehört, dass ihm ein solches Lied nicht gesungen werden wird, selbst wenn sein Zustand heute kaum besser ist als der von Best in jenen Tagen. Ein Abschiedsspiel im St. James' Park wird es nicht geben, auch wenn Gascoigne seine Verwurzelung in Newcastle stets betont hat und in der Zeitung zuerst schaut, wie United gespielt hat. Und doch ist er vor 20 Jahren weggegangen. Nicht nur deshalb fehlt ihm in seinem Heimatort jegliche Präsenz. In den Kneipen Dunstons hängen signierte Shearer-Trikots an den Wänden, im Tudor Rose Pub in der Railway Street gleich mehrere davon. Fast scheint es, als wolle man hier sichergehen, sich ausschließlich mit unzweifelhaft positiv besetzten Lokalhelden zu schmücken.
Erster Teil: Allein in schlechter Gesellschaft
Lesen Sie morgen im dritten Teil: Wie selbst in Gascoignes Heimatort die Erinnerung an ihn verblasst
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