Von Christoph Ruf, Helsinki
Verkehrte Welt in der deutschen Nationalelf: Es ist erst wenige Monate her, da wurde ein Mannschaftsteil stets ausgenommen, wenn sich Beobachter kritisch mit der Mannschaft beschäftigten. Im Sturm, so hieß es, sei das Team bestens aufgestellt. Und jetzt das: Mario Gomez vom VfB Stuttgart hinkt seiner Form hinterher, Miroslav Klose von den Bayern hinkt nicht einmal mehr. Bei Kevin Kuranyi fragen sich nun viele, ob er je so gut war wie das Image, das er bei Bundestrainer Joachim Löw offenbar noch hat. Nur Lukas Podolski zeigt ziemlich konstant, wie gerade wieder gegen Liechtenstein, wie gut er sein kann.
Und dann gibt es noch Patrick Helmes.
Der Leverkusener galt lange als Mann der Zukunft. Was auch hieß, dass man sich in der Gegenwart nicht allzu intensiv mit ihm befasste.
Gegen Liechtenstein hätte auch Patrick Helmes gut ausgesehen. Doch im Rheinpark-Stadion saß ausgerechnet er als einer von zwei deutschen Spielern nur auf der Tribüne. Dabei sind die Parallelen zwischen Podolski und Patrick Helmes offenkundig: Beide sind dann am stärksten, wenn sie über die Flügel kommen und – wie gegen Liechtenstein – Platz haben. Beide verfügen über eine herausragende Schusstechnik und sind auch bei hohem Tempo jederzeit ballsicher – eine Beschreibung, die längst nicht auf alle fünf deutschen Stürmer zutrifft.
Interessanterweise haben beide auch die gleichen Schwächen, die ihre jeweiligen Vereinstrainer immer wieder ansprechen: Wer hinter ihnen die Seite absichern muss, ist um seinen Job nicht zu beneiden. Das kann ein Problem sein. Allerdings nicht gegen Liechtenstein.
Patrick Helmes erinnert allerdings nicht nur in der Spielweise an Lukas Podolski. Wie er so in der Hotellobby sitzt, den Blick mal hier, mal dorthin schweifen lässt, wie er seinen Kollegen Rolfes in breitem Kölsch verspottet und dann umarmt – hätte er nicht längere Haare und grünere Augen, man müsste zweimal hinschauen, um eine Verwechslung auszuschließen.
Zumal beide die unbedingte Fähigkeit verbindet, das Leben so einfach zu nehmen, wie es offenbar eben auch sein kann. Wo Podolski gerne die Geheimnisse des Fußballs darauf reduziert, dass man dabei "Gas geben" müsse, versichert Helmes glaubwürdig, dass es ihm nichts ausgemacht habe, als ihn 50.000 Kölner Fans lautstark zum Teufel wünschten.
Helmes ist, wie er ist
Ein Fan hat ihm mal erklärt, warum die Leute so sauer waren, als sein anstehender Wechsel nach Leverkusen bekannt wurde. "Die haben mich halt geliebt, da waren sie eben enttäuscht, dass ich weggegangen bin." Persönlich habe er mit den Fans eh kein Problem gehabt, sagt er. Auch das glaubt man ihm. Der Mann ist sympathisch, vor allem ist er, wie er ist. Das mögen Fußballfans bei allen Vereinen lieber als heuchlerische Diven.
Helmes, der Playstation-Crack, der die ganze Zeit unruhig auf seinem Stuhl sitzt, schaut schon wieder auf die Hotel-Empore. Vielleicht lauert ja da irgend eine Abwechslung zum tristen Interviewalltag. Angst vor dem ersten Spiel, das seine Leverkusener nach Köln führt, hat er jedenfalls nicht. Die Leute in Köln wüssten schließlich auch, was er für sie getan habe. In der Tat traf Helmes alleine in den beiden Zweitliga-Jahren überragende 31 Male in nur 52 Spielen und bereitet zudem zahlreiche Treffer vor. In Leverkusen scheint es eine Liga drüber ähnlich gut zu laufen. In den bisherigen drei Saisonspielen schoss er zwei Tore und überzeugte die Beobachter mit starken Leistungen.
Einer von fünf Stürmern, nicht mehr der Fünfte
Wenn ein hundertprozentiger Fußballer wie Helmes nicht spielen darf, obwohl er seit Monaten in bestechender Form ist, ist jeder Trainer gut beraten, ihm das auch zu erklären. Joachim Löw scheint das getan zu haben: "Ich weiß, dass der Trainer viel von mir hält. Das sagt er mir auch. Ich hoffe natürlich schon, dass ich dann spätestens in einem halben Jahr drin bin." Helmes wäre zu clever, um sich die Chance, Stammspieler der Nationalmannschaft zu werden, dadurch kaputt zu machen, dass er nun vehement einen Stammplatz fordert. Er hätte gerne gespielt gegen Liechtenstein, das sollen die Leute schon mitbekommen. "Wichtig ist, dass der Trainer etwas von mir hält und dass ich weiß, was er von mir hält." Helmes findet, dass er bereits jetzt in der Hierarchie aufgestiegen ist: "Vor der EM war ich Stürmer Nummer fünf, jetzt sehe ich mich eher als einer von fünf."
Es gibt Leute, die behaupten, Helmes' Hauptproblem sei seine Gutmütigkeit. Klaglos habe er sich in den Flieger gesetzt, als er auf Mallorca aus dem vorläufigen EM-Kader gestrichen wurde, klaglos habe er nun akzeptiert, dass er neben Christian Pander als einziger deutscher Spieler in Vaduz auf die Tribüne gesetzt worden sei.
Das mit der Gutmütigkeit könnte eine Fehlinterpretation sein. Der Mann glaubt einfach, dass er es schon bald geschafft hat. Weil in den kommenden Wochen jeder sehen wird, dass er besser ist als die meisten der vier Konkurrenten. "Wir fünf spielen ja jetzt auch alle in der gleichen Liga. Anscheinend hat es bislang noch nicht ganz gereicht. Aber meine Zeit wird kommen."
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