Es gibt wohl kaum eine Ära des deutschen Fußballs und keine Spielklasse, die stets so verklärt betrachtet worden ist wie die Oberliga West zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Einführung der Bundesliga 1963. Von den fünf damaligen Oberligen in der Bundesrepublik war sie gemeinsam mit dem Süden die sportlich stärkste, aus beiden kam je sechsmal der deutsche Meister. Doch wenn es um das Zuschauerinteresse ging und die Verbundenheit zwischen Spielern, Fans und Vereinen war die Oberliga West einzigartig - vor allem im Ruhrgebiet.
In den ersten Jahren hatte das vor allem mit den kleinen Bergarbeiterklubs zu tun, wie den Sportfreunde Katernberg aus Essen, der Spielvereinigung Erkenschwick, dem STV Horst-Emscher aus Gelsenkirchen oder dem SV Sodingen aus Herne, wo die Halbprofis auf dem Platz oft genug noch die gleichen Arbeitgeber hatten wie jene, die ihnen sonntags zuschauten.
Auch als Mitte der fünfziger Jahre die größeren Clubs wie Schalke 04, Rot-Weiss Essen oder Borussia Dortmund durchsetzten, blieb die Verbindung zum Publikum sehr eng und machte selbst heute noch das besondere am Ruhrgebietsfußball aus.
Der Historiker Ralf Piorr hat sich dieses Themas schon häufiger angenommen, doch das von ihm herausgegebene Fotobuch "Fußballtage im Westen" ist ein schönes Beispiel dafür, wie man Nostalgie und Sentimentalität wecken kann, ohne darin verloren zu gehen. Ausgangspunkt für Piorrs Arbeit ist der Nachlass des Gelsenkirchener Sportfotografen Kurt Müller. Dort hat er sich durch einen umfangreichen Bestand von Negativen gearbeitet und ist auf einen Schatz gestoßen.
Es ist die in jeder Hinsicht bemerkenswerte Qualität der Fotos, die den Bildband zu einem besonderen Vergnügen macht. Einerseits findet man zunächst einmal viele außergewöhnlich gelungene Sportfotos, die eine andere Ästhetik haben als solche von heute. Müller musste stets direkt von hinter dem Tor fotografieren, weil es damals noch keine leistungsstarken Teleobjektive gab. Daher gibt es bei ihm auch deutlich weniger Bilder der Mittelfeldspieler jener Zeit zu sehen, es dominieren Verteidiger und Stürmer direkt vor seiner Kamera. Zugleich vermitteln die Fotos eine fast intime Nähe, man meint mit Müller wirklich fast auf dem Platz zu stehen.
Zum Glück hatte der Fotograf aber auch einen Sinn für das, was es abseits des Balls zu sehen gab. Daher schaut man mit ihm immer wieder in die oft erschöpft wirkenden Nachkriegsgesichter der Zuschauer oder darf sich über das Outfit von Ernst Kuzorra wundern, wie er mit Sonnenbrille und messerscharfen Bügelfalten auf Schalkes Trainerbank sitzt. Müller sind die seltsamen Ohrenschützer bei den Spielern von Preußen Münster so wenig entgangen wie der Toto-Mat im Stadion an der Hafenstraße in Essen, ein Vorläufer heutiger Anzeigentafeln.
Fritz Herkenrath, der Nationaltorwart aus Essen und spätere Grundschullehrer, relativiert hingegen den sportlichen Wert der Liga. "Natürlich war die Leistung bei weitem nicht so wie heute. Wir würden heute alle in einer guten Landesliga spielen." Die Einführung der Bundesliga war zweifellos der richtige Schritt, aber je professioneller der Fußball geworden ist, umso stärker wirkt der Zauber der Oberliga West.
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