Samstag, 21. November 2009

Sport



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27.09.2008
 

Neun-Tore-Spiel

Einmaliges Spektakel mit Frustfaktor

Aus Bremen berichtet Frank Hellmann

Hoffenheim lieferte sich mit Werder Bremen eine denkwürdige Auseinandersetzung - und bewies einmal mehr, dass der Bundesliganeuling eine Klassemannschaft besitzt. Die Reaktionen der Verantwortlichen auf die 4:5-Niederlage verdeutlichen die in der Öffentlichkeit klein geredeten Ansprüche.

Ralf Rangnick hat erst kürzlich wieder verraten, dass er es hasst, zu verlieren. Das sei früher beim Kartenspiel mit den Eltern so gewesen, und das ist heute als Chefstratege des Millionenprojekts bei der TSG 1899 Hoffenheim nicht anders. Der Schwabe hat seine generelle Abneigung gegen jedwede Form der Niederlage erst am vergangenen Donnerstag im Vereinszentrum Sinsheim-Hoffenheim kundgetan – der Bundesliga-Aufsteiger war tags zuvor beim Zweitliga-Tabellenführer SC Freiburg im Pokal gestrauchelt und hatte das Bundesligaspiel bei Werder Bremen vor der Brust. "Dort", dozierte Rangnick, "sind wir krasser Außenseiter und eigentlich chancenlos." Das war vom 50-jährigen Taktiker natürlich nur eine Masche, um den offensivstarken Vizemeister für den Vergleich gegen den frechforschen Novizen in Sicherheit zu wiegen. Was Rangnick nicht ahnte: Dass es am Samstagnachmittag eine Niederlage geben würde für sein so hoffnungsvolles Team, die die Contenance des Übungsleiters noch viel, viel mehr in Gefahr brachte als die Pokalpleite. Das 4:5 (2:4) im vollbesetzten Weserstadion wird in die jungen Bundesliga-Annalen der Hoffenheimer als ein Niederschlag der besonderen Art eingehen – als ein Lernprozess, der selbst Rangnick erfasste.

"Ich bin brutal enttäuscht über das Ergebnis", gestand der Chef, "hier war viel mehr möglich: Das ist eine riesengroße Enttäuschung." Das muss man verstehen: Da liegt sein Ensemble – vor den Augen des per Privatfliegers nach Bremen gereisten und unbehelligt gelassenen Mäzens Dietmar Hopp - scheinbar hoffnungslos 1:4 im Hintertreffen, rappelt sich eindrucksvoll auf, kommt auf 2:4 zur Pause heran, gleicht später aus zum 4:4. Der Gegner gerät durch eine Rote Karte von Per Mertesacker wegen einer Notbremse in Unterzahl (62.) - was Schiedsrichter Günter Perl in einer eindeutigeren Szene viel früher hätte ahnden müssen (35.) - und plötzlich hält man alle Trümpfe in der Hand. Und was passierte dann? Nach Pass von Jurica Vranjes schmetterte der überragende Mesut Özil den Ball humorlos zu Werders Siegtreffer in die Maschen (81.).

Wie schon in München war der 19-jährige Deutsch-Türke bester Bremer – und trotzdem sehr bescheiden. "Ich bin einfach nur glücklich, dass der Ball reingegangen und das Spiel so ausgegangen ist." Als Perl schließlich abpfiff, das hanseatische Publikum sich mit Standing Ovations bei Özil und Kollegen bedankte, standen die Protagonisten aus dem Kraichgau verlassen im Anstoßkreis herum. Sie bekamen Glückwünsche von ihren Gegenspielern, sie erhielten ganz viele Klapse auf Schulter und Kopf und sogar ein Teil des Beifalls galt ja ihnen – aber sie wussten doch nicht, wie sie das zu werten hatten.

"Wir hatten hier doch mehr verdient als nur den Applaus", konstatierte Vedad Ibisevic und beinahe verzweifelt fügte der Bosnier an. "Das frustriert sehr." Hans-Dieter Hermann, der Psychologe bei der Nationalmannschaft und bei Hoffenheim, stellte sich derweil mit einem angedeuteten Grinsen in die Mixed Zone. "Vieles hat gepasst, aber wir waren zu überbrausend. Zu viel Begeisterung ist auch nicht gut." Wird Hermann dies der Mannschaft sofort sagen? "Nein, die braucht jetzt Abstand."

Eine Distanz, die Rangnick nicht hatte. Nicht haben konnte. Der Taktiktüftler mäkelte ausgiebig über das 4:5; man habe sich von einem langen Ball "hinterläufig machen lassen, das war ein Stück weit naiv." Eine Sichtweise, die auch Hoffenheims Manager Jan Schindelmeister kundtat. "Das war taktisch unklug. Die Jungs haben die Früchte der Arbeit liegen lassen."

Doch im Grunde müsste der vorläufig auf Platz sechs der Bundesligatabelle abgerutschte Aufsteiger aus dieser Auseinandersetzung mehr mitnehmen: nämlich die Gewissheit und Zuversicht, dass schon in dieser Saison mit dem (Offensiv-)Potential ziemlich viel möglich ist. Die Power eines Demba Ba und die Kaltschnäuzigkeit eines Vedad Ibisevic, die Präzision eines Freistoßschützen Sejad Salihovic oder die Passsicherheit eines Luiz Gustavo gerieten so eindrucksvoll, dass selbst Werders Manager Klaus Allofs ins Schwärmen geriet: "Ich habe diesen Gegner das erste Mal erlebt. Die Einzelspieler sind außergewöhnlich stark, die Mannschaft auch. Das wird reichen, um eine gute Saison zu spielen."

Heilfroh war der Macher von der Weser, dass die turbulente Auseinandersetzung ein glückliches grün-weißes Ende gefunden hatte. "Das war ein Spektakel, dafür liebt man uns. Wir haben uns mitreißen lassen und müssen am Mittwoch in der Champions League bei Inter Mailand ganz anders spielen." Wohl wahr. Die anderthalb Stunden voller Tricks, Tore und Turbulenzen machten trotzdem Lust auf mehr und waren nur im Stenogramm-Stil zu fassen: 1:0 durch Özils ersten Streich – von links mit links in den linken Winkel (8.). 1:1 durch Ba nach Traumpass Ibisevic (15.). 2:1 durch Claudio Pizarro, genialer Hackentrick (16.). 3:1 Diego, Vollspann wie aus dem Lehrbuch (21.). 4:1 Aaron Hunt, mit rechts aus 22 Meter in den Winkel, Rubrik Traumtor (30.). 4:2 Freistoß Salihovic, formidabel wie unhaltbar (36.). 4:3 Ibsisevic Foulelfmeter (61.). 4:4 Marvin Compper, Kopfball nach tückischer Salihovic-Ecke (71.).

Spätestens danach sprach vieles für die selbstbewussten und technisch beschlagenen Gäste, die bei allem Sturm-und-Drang jedoch einmal die Orientierung verloren. "Wir müssen die richtige Balance zwischen dem bekommen, was wir hinten brauchen, und was wir vorne können", kritisierte Rangnick. Explizit in den Fokus gerät hinten übrigens Torwart Ramazan Özcan, dem Rangnick ja geraten hatte, "er darf auch mal die Hände nehmen" und er müsse mal im Fünfmeterraum "richtig rausballern". Doch die Versuche muteten ziemlich töricht und tumb an; bei zwei Treffern stand der Österreicher mit türkischen Wurzeln für Werder Pate. Den Stab bracht der Trainer aber nicht über Özcan, Spitzname "Rambo". "Er steht nicht zur Diskussion. Meine Kritik zielte auf grundsätzliche Dinge, sich weiterzuentwickeln. Das kann man nicht in einem Spiel." Doch unbestritten ist auch: Mit einem erstklassigen Torwart hätte TSG 1899 Hoffenheim diese erstklassige Partie kaum verloren. Und Rangnick sich nicht wieder so ärgern müssen.

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