Von Christoph Ruf
Hamburg - Beim FC Bayern gab es in den Neunzigern einen Mittelfeldspieler, der sich so gut mit der "Bild"-Zeitung verstand, dass immer wieder Interna aus dem Mannschaftskreis nach außen sickerten. Jürgen Klinsmann fand das damals unerträglich. In München, wo in dieser Zeit so gut wie jeder Bayern-Angestellte sein Lieblingsboulevardblatt hatte, fühlte er sich auch deshalb nie so richtig heimisch.
Bayern-Funktionäre Beckenbauer und Klinsmann: Zwei Männer, zwei Meinungen
Und so musste sich Jürgen Klinsmann mit einem Vorschlag auseinandersetzen, der in etwa so ernst zu nehmen ist als hätte jemand vorgeschlagen, demnächst mit zwei Bällen zu spielen, um die Trefferquote zu erhöhen. Beckenbauer hatte via "Bild"-Zeitung angeregt, das Kapitänsamt von Spiel zu Spiel neu zu vergeben.
Klinsmann sah sich zu einem Machtwort genötigt, ehe er über die angehende Aufgabe in der Champions League gegen Olympique Lyon (Dienstag, 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) reden konnte: "Mark van Bommel bleibt Kapitän. Er ist ein Super-Kerl, er engagiert sich sehr für die Mannschaft, er ist kommunikativ. Da gibt es keine Diskussionen."
Genau eine solche hatte Beckenbauer jedoch mit einer erstaunlichen Argumentation in die Wege geleitet: "Ich kann mir sogar vorstellen, noch in einer anderen Frage zu rotieren - in der Kapitänsfrage", äußerte Beckenbauer am Montag in seiner "Bild"-Kolumne. Bei einer wechselweisen Vergabe der Binde, so die originelle Begründung, müsse "jeder Spieler mehr Verantwortung übernehmen", schrieb Beckenbauer. "Gibt es keinen Kapitän, kann sich durch eine Rotation der richtige herauskristallisieren."
Beckenbauer ließ in seine Kolumne allerdings auch noch Aussagen schreiben, die in München weniger kontrovers diskutiert wurden. "Da sollte schon ein Sieg her", sagte Beckenbauer in Hinblick auf das Lyon-Spiel, der sich darin mit seinem Manager Uli Hoeneß einig wusste: "Es darf und wird nicht schiefgehen."
Die Begegnung mit dem französischen Serienmeister komme "gerade richtig", sagte Klinsmann. Bei seiner Mannschaft haben die jüngsten Pleiten dagegen Spuren hinterlassen, Ratlosigkeit und Verzweiflung machen sich breit an der Säbener Straße. "Ich weiß nicht, was los ist", sagte Franck Ribéry. Und Stürmer Miroslav Klose meint: "Wir befinden uns in einer schwierigen Phase. Wir haben 20 Spieler im Kader, aber keine Stammelf." Eine Aussage, die man durchaus als Kritik an Klinsmanns ein wenig außer Kontrolle geratenem Rotationsprinzip begreifen darf.
Auf dem Franzosen Ribéry ruhen diesmal die Hoffnungen der Münchner. Und der zeigt sich dementsprechend motiviert: "In meiner Heimat werden alle Augen auf mich gerichtet sein. Ich kann es kaum erwarten", sagt der Nationalspieler, der erstmals nach seiner Verletzung von Beginn an auflaufen soll. Doch Ribéry betont: "Allein kann ich nichts tun. Wenn wir spielen wie in Hannover, haben wir keine Chance." Das weiß auch Klinsmann. Mit einer deftigen Ansprache hat er am Sonntag versucht, sein Team wachzurütteln. Zudem warnte er vor dem Gegner: "Lyon ist eine Messlatte, die nicht einfach zu nehmen ist. Wir müssen auf der Hut sein und dürfen keine Chancen zulassen."
Übrigens: Aller Kritik zum Trotz wird Klinsmann erneut rotieren lassen. Ribéry dürfte zum Einsatz kommen, die in Hannover noch geschonten Brasilianer Lucio und Zé Roberto ebenfalls. Massimo Oddo wird in der Viererkette vermutlich den verletzten Christian Lell ersetzen, Bastian Schweinsteiger wird für José Sosa spielen. Und keiner von ihnen bekommt die Kapitänsbinde hinrotiert.
Mit Material von sid und dpa
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