Die älteren Mitspieler stachelten sich mit Geschichten gegenseitig an. Sie wollten den Jüngeren zeigen, wo diese in der Hierarchie stehen: ganz unten. Marcus war schockiert. Was würden sie mit ihm machen, wenn seine Neigung auffliegen würde? Wie würden sie reagieren, wenn herauskommen würde, dass er Männer attraktiver fand als Frauen? Er war noch immer ein schmächtiger Junge, unauffällig, nicht schwerer als siebzig Kilo, schweigsam. Er dachte, dieses Machoheer würde ihn demütigen, verletzen.
Im Frühjahr 1991 bestritt Marcus mit seiner Erfurter Mannschaft ein Spiel beim FC Sachsen Leipzig. Er war noch immer ein Künstler auf dem Rasen, aber er spielte zunehmend lustlos. Er trabte behäbig. Im Mittelfeld prallte er mit einem Gegenspieler zusammen. Marcus stürzte zu Boden, krümmte sich, musste ausgewechselt werden. Die spätere Diagnose: Knorpelschaden im rechten Knöchel. Marcus musste sich mit dem Gedanken anfreunden, dass er kein Profi mehr wird.
Die Verletzung machte ihm zu schaffen, die Erinnerungen an seine Kindheit hingen wie ein schwerer Anker an ihm, die Homosexualität machte ihn zum einsamsten Menschen und auch die gravierenden Veränderungen, die das neue Gesellschaftssystem nach der Wende mit sich brachte, lasteten auf ihm.
Spieler seines Alters, die er aus dem Internat kannte, wie Thomas Linke, oder gegen die er in Jena oder Leipzig gespielt hatte, wie Bernd Schneider, Robert Enke oder Frank Rost, sollten den Aufstieg in die Bundesliga schaffen und beeindruckende Karrieren machen. Marcus jedoch blieb zurück, obwohl er sich in den achtziger Jahren als Teenager mit ihnen auf Augenhöhe bewegte. Er hatte nicht die Kraft, alles auszublenden, was nicht mit Fußball zu tun hatte.
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