Dort, wo es drauf ankommt, ist der FC Bayern ganz vorn. Ein Blick auf die Tabelle der Champions-League-Vorrundengruppe F zeigt zweifelsfrei: Die Mannschaft von Jürgen Klinsmann ist Tabellenführer. Gut, es sind erst zwei Spieltage absolviert, aber mit einem Sieg in Bukarest und einem Unentschieden gegen Lyon lässt sich gut leben, zumal die Leistungen in beiden Spielen größtenteils überzeugend waren. Auch das Torverhältnis ist mit 2:1 akzeptabel, vor allem für die Defensive.
Vieles ist einfach eine Frage der Perspektive - diese Erkenntnis steht am Ende der ersten hundert Tage von Jürgen Klinsmann als Trainer des FC Bayern. Was zählt mehr: Die Bundesliga oder die Champions League? Der kurzfristige Erfolg oder die langfristige Veränderung eines Clubs, der sich festgefahren hat?
Bei aller Aufregung über den elften Platz in der Liga, 13 Gegentore in sieben Spielen, einen Kapitän als Bankdrücker und Buddhas auf dem Dach - es lohnt sich, dorthin zurückzublicken, wo die Bayern unter Ottmar Hitzfeld am Ende der vergangenen Saison standen. Sie waren Meister, Pokalsieger und hatten eine merkwürdige Uefa-Cup-Serie gespielt, in der sie immer am Rande der Blamage bis ins Halbfinale schlitterten und dann von Zenit St. Petersburg demontiert wurden. Es war, alles in allem, ein typisches Jahr der zweiten Hitzfeld-Amtszeit und der Ära Felix Magath.
In Deutschland war der FC Bayern konkurrenzlos, international dagegen begrenzt konkurrenzfähig. Seit 2001 hat es der Club nicht mehr bis unter die letzten vier Teams der Königsklasse geschafft, meist war spätestens im Achtelfinale der Champions League Schluss. In der Bundesliga kaufte man der Konkurrenz gern wichtige Spieler weg, international sah man dem Treiben der englischen und spanischen Clubs am Transfermarkt hilflos zu. Es war ein Zustand, den man hätte konservieren können, um mit einem Achselzucken zu sagen: Mehr geht halt nicht.
Stattdessen beschlossen die Bayern-Chefs Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, mit Franck Ribéry und Luca Toni zwei Stars der höheren Kategorie zu verpflichten. Und dazu mit Klinsmann einen Trainer, von dem erwartet wurde, die Dinge auf den Kopf zu stellen. Die Botschaft lautete: Risiko statt Stillstand.
Das Problem, das der FC Bayern zur Zeit habt, ist dann auch weniger der mühsame Bundesliga-Auftakt, sondern die Tatsache, dass noch kein klarer Kurs zu erkennen ist, den Klinsmann einschlagen will. Zur Zeit ist das Team auch in der heimischen Liga nur begrenzt konkurrenzfähig.
Klinsmanns Rotationsprinzip folgt zwei Prämissen: Zum einen sollen, meistens, die wichtigsten Spieler für die Champions League geschont werden, zum anderen sollen notorische Bankdrücker der Vorsaison wie Daniel van Buyten, Breno und José Ernesto Sosa eine Chance bekommen, sich zu beweisen - und damit den internen Konkurrenzkampf anzuheizen. Dass die Mannschaft angesichts dieses Wechselspiels gerade im defensiven Bereich noch keine Automatismen und keine Grundsicherheit entwickeln kann, nimmt Klinsmann in Kauf.
Die Rotation ist allerdings keine Einbahnstraße. Es ist abzusehen, dass der neue Bayern-Trainer austesten will, wer sich in die Mannschaft hinein- und wer sich endgültig herausspielen kann. Bisherige Verdienste oder eine Kapitänsbinde spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Spätestens am Ende der Saison werden einige Spieler gehen müssen, als Ersatz ist momentan von Andrej Arschawin über Pawel Progrebnjak bis Anatoli Timoschtschuk die halbe Mannschaft von Zenit St. Petersburg im Gespräch.
Doch bis zur personellen Neuordnung ist dummerweise noch die laufende Saison durchzuspielen. So sehr sich Klinsmann auch auf die Rückendeckung von Rummenigge und Hoeneß verlassen kann, so wenig werden die Bayern-Bosse akzeptieren, noch einmal nach einem Alptraumjahr im Uefa-Cup aufzuwachen.
Keine Konstanten
Dem Cheftrainer und seinen emsigen Assistenten wird es daher schnell gelingen müssen, eine stabile Verteidigung aufzubauen. Die Idee, den als Innenverteidiger und Organisator meist überzeugenden Martin Demichelis ins defensive Mittelfeld auf die vom Argentinier ungeliebte Sechser-Position vorzuziehen, wird Klinsmann kaum durchhalten können. Andere, entscheidende Faktoren kann der 44-Jährige dagegen kaum beeinflussen.
Klinsmann war angetreten mit dem Vorsatz, vor allem jene Spieler zu verbessern, die ihre Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft haben. Für dieses Vorhaben sollten ihm die Stars den Rücken freihalten, doch die sind dazu nicht in der Lage. Das ist zur Zeit das größte Dilemma für den stürmenden Trainer. Die mediale Hysterie, mit der seine Arbeit und so lächerliche Themen wie Buddhastatuen auf Hausdächern mitunter diskutiert werden, dürfte er dagegen locker wegstecken.
Als er 2004 bei der Nationalelf anfing und noch nach Kalifornien pendelte, war der Aufschrei in der Öffentlichkeit viel größer. Diejenigen, die damals nach den ersten hundert Tagen am lautesten geschrien haben, werden heute nur ungern daran erinnert.
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