Von Daniel Theweleit, Gelsenkirchen
Bei seiner Ankunft am Schalker Stadion wirkte er noch unbeschwert, ging gemeinsam mit Manager Andreas Müller lächelnd Richtung Presseraum. In den Katakomben der riesigen Arena angekommen, dauerte es jedoch nicht lange und Kevin Kuranyis Gesten entsprachen seiner extremen Situation. Er wirkte plötzlich mitgenommen, unsicher. Sein Blick schwirrte unruhig umher, einmal schlug er die Hände vors Gesicht, als könne er immer noch nicht glauben, was ihm da widerfahren ist.
Schalke-Stürmer Kuranyi: "Nur ich kann das fühlen"
Die Flucht Kuranyis, seine überhastete Abreise aus Dortmund als Ungeschicklichkeit oder Einfältigkeit abzutun, wäre viel zu einfach. "Der Zusammenbruch ergab sich aus dem Ganzen, was in den vergangenen Jahren vorgefallen ist, ich konnte es nicht mehr ertragen", sagte der 26-Jährige vor 50 Journalisten. Seine Stimme war dünn. "Das war natürlich verrückt, ich habe so etwas von mir selber nicht erwartet." Er habe sich am Samstag "über vieles aus den vergangenen Jahren geärgert", sagte Kuranyi.
Es muss ein Strudel ganz finsterer Gedanken gewesen sein, in den Kuranyi da während der ersten Hälfte des WM-Qualifikationsspiels zwischen Deutschland und Russland am Samstag geraten ist. "Nur ich kann das fühlen, und ich habe meine Entscheidung getroffen", sagte Kuranyi. "Ich fühle mich sehr unwohl, vieles ist durcheinander gekommen". Am Sonntag ging es ihm so schlecht, dass er bis zum späten Nachmittag nicht in der Lage war, mit dem Bundestrainer zu sprechen.
Sortiert hatte Kuranyi seine Gedanken auch am Montag noch nicht. Die plötzliche Flucht sei "falsch" gewesen, verkündete er, ein paar Sätze später sagte er: "Ich stehe voll zu dem, was ich getan habe." Es geht ihm schlecht, das war nicht zu übersehen, der Fußballer verstrickte sich in Widersprüche.
Er habe Joachim Löw vor der Partie gegen Russland darüber informiert, dass er das Lager der Nationalmannschaft verlassen wolle, behauptete Kuranyi. Wie er sich dann erkläre, dass der Bundestrainer völlig überrascht war über sein Verschwinden? Darauf Kuranyi: "Natürlich war der überrascht, kein Mensch konnte das ahnen."
Zu seiner Zukunft in der Nationalmannschaft sagte Kuranyi: "Nicht als Rücktritt und nicht als Rauswurf" seien die Ereignisse der vergangenen Tage zu begreifen. Und weiter: "Ich schließe ein Comeback grundsätzlich nicht aus." Das sei "Zukunftsmusik und alles leistungsbezogen", sagt Kuranyi. Trainer Löw scheint das ganz anders zu sehen.
Kuranyi gestand, dass ihn die fortwährenden Pfiffe des eigenen Publikums tief verletzt haben. "Die letzten Wochen waren schwer, das wünsche ich keinem Menschen dieser Welt."
Unterstützung fand der angeschlagene Schalke-Kicker in Manager Andreas Müller. "Das ist ein junger Bursche mit 26 Jahren, der mit die meisten Tore in der Bundesliga und in der Champions League schießt, ich finde es nicht gerecht." In Gelsenkirchen erhalte er "das Vertrauen, das er in der Nationalmannschaft nicht hat", erklärte Müller.
Der Manager muss alles tun, um seinen Stürmer wieder zu stabilisieren - denn der ambitionierte Bundesligist hat nur diesen einen zentralen Angreifer. Ein klein wenig Trost haben die Schalker ihrem Spieler schon gespendet. Vor der Arena tummelte sich ein kleines Grüppchen von Fans, sie trugen ein Transparent: "Wir glauben an Dich, Kevin".
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