SPIEGEL: Herr Klopp, werden Sie den 13. September 2008 in Ihrer Trainerkarriere in Erinnerung behalten?
Klopp: Weil da mein Co-Trainer Geburtstag hatte? Nein, ich weiß schon: Klar, da war das Derby gegen Schalke 04, das 3:3 in Dortmund, mein viertes Punktspiel erst mit Borussia. Ein großartiges Erlebnis.
SPIEGEL: Ihre Feuertaufe im Fußball-Emotionstheater des Ruhrgebiets. Haben Sie es genossen?
Klopp: Von Genuss ist man als Trainer weit entfernt, dazu ist die Anspannung zu groß. Es ging ja schon vor Saisonbeginn los, als der Spielplan veröffentlicht wurde. Von dem Moment an wurde ich ständig auf das Ereignis angesprochen. Solch ein Highlight so früh in der Saison, und dann liegen wir erst mal 0:3 gegen den Erzrivalen zurück. Meine Frau sagt, sie sei kurz davor gewesen, die Koffer zu packen.
SPIEGEL: Warum das denn?
Klopp: Wenn man als neuer Trainer gleich mit der höchsten Derby-Niederlage in die Vereinsgeschichte eingeht, ist das ja nicht lustig. Beim Ausgleich standen unsere beiden Söhne dann auf der VIP-Tribüne auf den Ledersesseln. Und nach dem Schlusspfiff sah ich in den Gesichtern der Fans diese urwüchsige Freude. Ich kann besondere Momente abspeichern, um sie später in mir abzurufen, wenn ich das brauche. Dieser Moment gehört dazu.
SPIEGEL: Kann dieses Derby-Fieber, die Bedeutung dieses Revierduells auch bei den Spielern besondere Energien wecken?
Klopp: Wir haben vorher einen Film mit tollen Bildern von gewonnenen Derbys zusammenschneiden lassen. Die letzten fünf Minuten auf der DVD haben wir freigelassen, und ich habe der Mannschaft gesagt: Die müsst ihr mit diesem neuen Spiel füllen. Es ist aber nicht so, dass ich die Spieler einen Liter Blut trinken lasse und dann sage: Freunde, alles was blau ist, umfeuern! Aggressivität ist für mich die Bereitschaft, sich selbst weh zu tun, nicht dem Gegner.
SPIEGEL: Fußball mit Herz und Leidenschaft, heißt es, habe gerade im Ruhrgebiet Tradition. Fiel es Ihnen daher leicht, sich als einer, der seine Profifußball-Jahre bisher in Mainz verbracht hat, in Dortmund einzuleben?
Klopp: Einiges mag Legende sein, aber ich glaube, hier hatten die Spieler immer schon die Ärmel hochgekrempelt, selbst die im kurzärmeligen Trikot. Man hat sich bereits vor 50 Jahren die Schienbeine wundgeklopft. Das liegt wohl tatsächlich an der Region. Hier leben 60, 70 Prozent Arbeiter, und die erwarten, dass ihre Fußballmannschaft kämpft. Insofern passe ich wohl wirklich gut hierher. Mir gefällt auch, dass einige Dinge immer so bleiben.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Klopp: Zum Beispiel das Stadion. Wenn hier eine Multifunktionsarena mit Parkgaragen darunter und allem Schnickschnack stehen würde, das würde nicht passen. In Dortmund riecht es noch richtig nach Fußball. Es gibt hier einen Besprechungsraum, der ist eingerichtet wie ein altes Wohnzimmer. Fehlt nur noch die Fototapete.
SPIEGEL: Heute kommen die Spieler eines Proficlubs aus aller Welt. Wie fördern Sie die Identifikation der Profis mit der Region?
Klopp: Man muss sie einfordern. Und wir müssen uns mit unserem fußballerischen Angebot daran orientieren, was hier gewünscht wird. Natürlich wissen wir alle, dass es wichtigere Dinge als Fußball gibt. Aber in dem Moment, in diesen eineinhalb Stunden gibt es für die Leute im Stadion eben nichts Wichtigeres. Und ich muss den Spielern auch die Tradition vor Augen führen. Die verpflichtet im positiven Sinne. Man kann selbst Teil der Geschichte werden, man kann sich unsterblich machen.
SPIEGEL: An wen denken Sie etwa?
Klopp: An Norbert Dickel zum Beispiel, der sein Knie für Borussia geopfert hat.
SPIEGEL: Er hat trotz Knieverletzung im Pokalfinale 1989 gespielt und zwei Tore beim 4:1 gegen Werder Bremen geschossen.
Klopp: Danach war seine Karriere vorbei.
SPIEGEL: Wie sehr muss man sich den Ritualen anpassen? Sagen Sie als Zugezogener jetzt auch "Herne-West" statt Schalke?
Klopp: Es sprudelt noch nicht aus mir raus. Aber aus Respekt unseren Fans gegenüber versuche ich auch, den Namen des Erzrivalen nicht so oft in den Mund zu nehmen. Aber das ist mehr so eine Spielerei.
SPIEGEL: Wird das Reviergeplänkel manchmal zu ernst genommen?
Klopp: Solange das Spiel läuft, ist das in Ordnung, da sollte man sich darauf einlassen wie ein Schauspieler, der seine Rolle ernst nimmt. Aber wenn er sich gerade im Theater als Othello erstochen hat und nach Hause kommt, nimmt er da ja auch nicht wieder das erstbeste Küchenmesser.
SPIEGEL: Wie gut kennen Sie den NRW-Fußball? Sagt Ihnen der Begriff "Straßenbahnliga" noch etwas?
Klopp: Nein, keine Ahnung.
SPIEGEL: Das war die alte Oberliga West, die höchste Spielklasse hier vor der Bundesliga-Gründung. Zeitweise war mehr als die Hälfte der Spielstätten in ein und demselben Nahverkehrsnetz zu erreichen.
Klopp: Jeder, der Fußball mag, spürt, dass es in dieser Region brutal pulsiert. Auf der Strecke von Dortmund nach Düsseldorf hat man das Gefühl, an zwölf Bundesligastädten vorbeizufahren. In Sachen Fußball sind die Leute hier ein bisschen durch den Wind. Vorhin stand ich in Dortmund im Stau, da wurde ich durch Hupen und andere Zeichen insgesamt zehnmal gebeten, das Fenster herunterzulassen, damit man mich fotografieren konnte. Das ist mir woanders noch nie passiert.
SPIEGEL: Welche Erinnerungen haben Sie aus Ihrer Spielerzeit an die Region?
Klopp: Als ich zu Mainz 05 in den Profifußball, in die Zweite Liga wechseln durfte, war Schalke gerade in ebendiese Zweite Liga abgestiegen. Und mein erster Gedanke: Geil, ich darf im Schalker Parkstadion Rolltreppe fahren. Da gab es ja diese einzigartige Rolltreppe vom Kabinentrakt in den Innenraum. Dann kam der Tag, und ich fuhr früher wieder runter, als mir lieb war - weil ich ausgewechselt wurde und vorzeitig zum Duschen musste.
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