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18.10.2008
 

SPIEGEL-Gespräch

"Es riecht noch nach Fußball"

2. Teil: "Kaffee und Kuchen bei der Schwiegermutter oder so"


SPIEGEL:
Merkten Sie als Spieler etwas von der Begeisterungsfähigkeit der Leute im Revier?

Klopp: Nun ja, Mainz war nicht gerade der Publikumsmagnet. Als wir etwa nach Wattenscheid kamen, hatte man das Gefühl, dass viele an diesem Sonntagnachmittag etwas Besseres zu tun hatten. Kaffee und Kuchen bei der Schwiegermutter oder so. Trotzdem war gerade Wattenscheid einmalig.


SPIEGEL:
Wieso?

Klopp: Eine der besten Bratwürste bundesweit. Ich bin nämlich auch Bratwursttester, wenn ich zum Fußball gehe.

SPIEGEL: Sie wurden mit 33 Jahren, quasi über Nacht, mitten im Abstiegskampf vom Spieler zum Trainer befördert. Wie war das für Sie?

Klopp: Wie eine Explosion. Als Spieler war ich nie richtig mit mir zufrieden gewesen. Das Ballstoppen hatte nicht so funktioniert, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich war eben limitiert. Als Trainer waren plötzlich die Limits weg. Mein erstes Spiel war in Mainz gegen Duisburg. Wir gewannen 1:0, das Tor könnte ich heute noch zeichnen: Diagonalball, Thurk verlängert mit dem Kopf, Babatz haut das Ding halbvolley ins lange Eck.

SPIEGEL: Sie gelten als Hitzkopf an der Seitenlinie. Ändert sich das mit der Zeit?

Klopp: In manchen Momenten bin ich emotional, das ist auf meiner genetischen Festplatte so angelegt. Aber ich bin schon ruhiger geworden, auch wenn man das nicht so merkt. Der Deutsche Fußball-Bund hat mich einmal mit einer so hohen Geldstrafe belegt, dass ich mich seitdem gegenüber Schiedsrichtern zurückhalte. Wobei ich auf eine Hinausstellung richtiggehend stolz bin.

SPIEGEL: Was ist da passiert?

Klopp: Da habe ich einen Schiedsrichterassistenten in Fürth gefragt: "Wie viele Fehlentscheidungen sind eigentlich erlaubt? Wenn es 15 sind, hätten Sie noch eine frei." Ich musste direkt auf die Tribüne.

SPIEGEL: Sie hätten im Sommer auch zu einem anderen Club gehen können, hatten Anfragen vom Hamburger SV, von Bayer Leverkusen. Dortmund ist ein schwieriges Pflaster, war Ihnen das klar?

Klopp: Ich habe von Reportern erfahren, dass ich der 34. Trainer im 41. Jahr bin. Die Reporter haben dann gefragt, wie lange ich wohl bleibe. Ich bin selbstbewusst. Und ich fühle mich in Dortmund perfekt aufgehoben. Hier ist alles sehr menschlich. Aber klar ist auch: Diese Begeisterungsfähigkeit hier löst natürlich auch Druck aus, der zu unvernünftigen Entscheidungen antreiben kann. Was ja in der Vergangenheit bei der Borussia ab und an passiert ist. Schließlich sind all die Schulden zu Beginn dieses Jahrzehnts nicht dadurch entstanden, dass das Geld durch einen Überfall verlorenging.

SPIEGEL: Der Verein ist in einem Arbeiterviertel entstanden. Ist Ihnen das per se schon mal sympathisch? Sie gelten doch als Linker, oder?

Klopp: Ich bin sicher niemand der Mitte, und rechts bin ich schon mal gar nicht. Da bleibt dann nicht viel.

SPIEGEL: Als Ausdruck Ihrer Gesinnung haben Sie mal Ihre Weigerung kundgetan, einer privaten Krankenversicherung beizutreten. Sind Sie noch in der gesetzlichen?

Klopp: Ich bin gerade dabei, das zu ändern. Ich möchte unsere beiden Jungs in die Privatversicherung mit reinnehmen, damit sie eine perfekte Versorgung bekommen. Es ist aber nicht leicht, den Papierkram zu erledigen. Ehrlich gesagt habe ich ohnehin jahrelang die Vorzüge einer Privatversicherung genossen, obwohl ich eine DAK-Karte hatte. Einfach weil mich in meiner Region jeder kannte.

SPIEGEL: Kein Gesinnungswandel also?

Klopp: Nein. Ich würde weiterhin eine Partei nicht deswegen wählen, weil sie meinen Steuersatz senkt. Ansonsten gibt es sicher politischere Menschen als mich.

SPIEGEL: Als Trainer duzen Sie Ihre Spieler. Warum?

Klopp: Etikette und Äußerlichkeiten spielen heute nicht mehr so eine Rolle. Einmal hat mich eine ältere Dame, als sie mich in Birkenstocksandalen sah, für einen Arzt gehalten. Die Zeiten sind vorbei. Außerdem habe ich den Spieler Neven Subotic nach Dortmund mitgebracht, der hat mich wie alle Spieler in Mainz schon geduzt. Auch Sebastian Kehl duzte mich bereits, weil wir uns mal privat kennengelernt hatten. Und da es eine Zweiklassengesellschaft im Fußball auf keinen Fall geben darf, dürfen mich in Dortmund alle gleich anreden. Sie haben aber ganz schnell gemerkt: Ich bin trotzdem nicht ihr Kumpel.

SPIEGEL: Wie haben Sie als junger Trainer die Distanz zu den Spielern hergestellt?

Klopp: In meinem ersten halben Jahr als Coach bin ich nach Siegen noch mit den Jungs feiern gegangen. Ich war noch wie ein Spieler, nur dass ich im Bus weiter vorn saß. Vom zweiten Jahr an war ich nie mehr mit den Spielern unterwegs. Das vermisse ich auch nicht. Ich habe zwar noch keinen Wackeldackel hinten im Auto stehen, aber ich bin eindeutig nicht mehr die Spielergeneration. Ich möchte nicht ihr Leben führen, aber ich habe Respekt vor den Spielern.

SPIEGEL: Wie äußert sich das?

Klopp: Ich schleppe zum Beispiel nicht irgendwelche Adler oder Meisterschalen in die Mannschaftssitzung, um jemanden heiß zu machen. So werden die Jungs verdummt. Das sind intelligente Menschen. Wer geistig auf dem Schlauch steht, kommt da oben auf dem Niveau gar nicht erst an. Eine gewisse emotionale Intelligenz zum Beispiel ist Grundvoraussetzung, um in dem Sport weit zu kommen. Sonst wird man in einer Mannschaft ganz schnell als Trottel geoutet.

SPIEGEL: Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie den Sprung in den Profifußball nicht geschafft hätten?

Klopp: Ich wäre sicher beim Fernsehen gelandet. Als ich in Mainz war, einer Medienstadt, habe ich schon bei Sat.1 Praktika gemacht. Da habe ich gemerkt: Hinter der Kamera zu arbeiten ist nichts für mich. Aber ich kann reden wie ein Wasserfall, je spontaner, desto besser. Ich hätte wohl so eine Mittagssendung wie die "Oliver Geissen Show" gemacht. Das hätte ich ohne Probleme gekonnt.

SPIEGEL: Herr Klopp, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Gespräch führten die Redakteure Jörg Kramer und Alfred Weinzierl.

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