Von Tom Mustroph
Trapani und Pecoraro sollen laut der Staatsanwaltschaft Palermo über eine gemeinsame Firma außerdem Gelder des Lo Piccolo-Clans beim Umbau des Adriahafens von Chioggia gewaschen haben. Sie sind seit Ende September in Untersuchungshaft. Daher müssen sie momentan ihre Tätigkeit als Spielervermittler ruhen lassen. Die beiden mutmaßlichen Mafia-Unterstützer dienen sich vor allem den Familien von erfolgversprechenden Nachwuchsspielern an. Derzeit wird ermittelt, ob sie Druck auf Trainer und Sportdirektor ausgeübt hatten, ihre Kader zu bevorzugen. Der abgetrennte Kopf einer Ziege war Weihnachten 2006 vor dem Haus des damaligen Sportdirektors von Palermo, Rino Foschi, abgelegt worden. Auch wenn Urheberschaft und genaue Intention noch nicht geklärt sind - der abgelegte Tierkopf ist ein typisches Drohsignal der Mafia.
Auch im Fußball Norditaliens sind solche Rituale nicht unbekannt. Mailänder Ultras versenden gern Drohbriefe mit Pistolenkugeln an die Geschäftsstellen ihrer Clubs. Doch hier handelt es sich um bizarre Folklore. "Die Ultras ahmen die Gesten der Mafia nach, mehr nicht", sagt Camorra-Jäger Ardituro.
Seines Wissens nach ist der gescheiterte Versuch der Camorra, im Jahre 2006 den börsennotierten Verein Lazio Rom zu übernehmen, die einzige nennenswerte Aktivität außerhalb der angestammten Regionen.
Doch korrupt zu sein schafft der Norden auch ohne Mafia. Bestes Beispiel ist die weitverzweigte Bestechungsmaschinerie, die der Juve-Manager Luciano Moggi aufgebaut hatte. Moggi lernte sein Geschäft pikanterweise im Neapel der Maradona-Jahre.
Im Stadion San Paolo, in dem der SSC seine Heimspiele austrägt, ist die Camorra noch immer präsent. "In der Curva A herrscht das Gesetz der Camorra", bekannte im vergangenen Jahr ein Aussteiger aus dem Familienclan der Misso. Der junge Mann, er hört auf den Namen Emiliano Zapata Misso, war bei Heim- wie Auswärtsspielen in der Fankurve anwesend. Er berichtete den Ermittlern, dass die Camorra-Clans bestimmen, an welchem Platz im Stadion die Fanclubs Aufstellung nehmen dürfen.
Polizeichef Antonino Puglisi erzählt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE von der Odyssee des Fanclubs Masseria Cardone. "Sie waren in der Curva A nicht mehr geduldet. Der Mafiaclan aus dem Stadtviertel Sanitá, die Misso, hatte ihnen den Zutritt verwehrt. Ein Jahr lang schauten sie den Spielen von der Seitentribüne zu, bis sie Aufnahme in der Curva B fanden. Und auch das erst, nachdem die dort herrschenden Familien die Zustimmung gegeben hatten." Zu Gute kommt der Camorra die lokale Gliederung der Fanclubs. Jede Ultra-Gruppierung hat ihr eigenes Einzugsgebiet. Und das ist meist identisch mit dem Herrschaftsbereich eines Clans.
Den Höhepunkt der Synergie zwischen Camorra und Hooligans hat Neapel in diesem Januar erlebt. Da schickte der Capo der Niss seine Männer für Bauunternehmer ins Feuer, die wegen der Wiedereröffnung der Müllkippe einen Wertverlust ihrer – meist illegal errichteten – Immobilien befürchteten. Praktischerweise hat der Anführer der Hooligans in dieser Gegend selbst mit dem Eigenheimbau begonnen.
Der Einfluss der verschiedenen Mafia-Organisationen auf den Fußball wirkt lächerlich klein und unspektakulär. Er ist allerdings so feingesponnen und alltäglich, wie der Einfluss auf Wirtschaft, Politik und Verwaltung generell.
Diese Art der Durchdringung machte schon nach Ansicht des 1992 ermordeten Mafia-Jägers Giovanni Falcone die Qualität der mafiösen Strukturen aus. Nur gelegentlich kommen diese Aktivitäten ans Licht.
Dann erschrickt, wie überall, auch die Welt des Fußballs.
Wenn das nächste Spiel angepfiffen wird, ist aber schon wieder vergessen, welcher Spieler von der Mafia protegiert wird, welche Einnahmen sie mit Wetten und Ticketverkauf erzielt - und wer eigentlich Chef im Stadion ist.
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