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05.11.2008
 

Werder-Debakel

Ende der Schonzeit

Von Frank Hellmann, Bremen

Schönwetterfußballer im Herbst: Nach der 0:3-Pleite gegen Panathinaikos Athen holte Bremens Manager Klaus Allofs zum Rundumschlag aus und drohte personelle Konsequenzen an. Erstmals musste er auch Fragen nach der Zukunft von Trainer Thomas Schaaf beantworten.

Nach dem grünen Trikot des Siegers verlangte Per Mertesacker dann doch. Der 1,98-Meter-Mann, der nach dem Schlusspfiff des ungarischen Schiedsrichters Viktor Kassai instinktiv die Hände zum Entsetzen vors Gesicht geschlagen hatte, sah es an diesen furchtbaren Abend als seine Pflicht an, wenigstens die letzten Gepflogenheiten einer Champions-League-Partie zu befolgen. Dazu gehört der Händedruck und der Trikottausch mit einem Gegner, der so erschreckend viel besser war, wie das im Weserstadion niemand vermutet hatte. Der Rest von Mertesackers Mannschaft hatte sich genau wie das Gros der Anhängerschaft auf der Stelle aus dem Staub gemacht.

Werder Bremen verlor 0:3 (0:0) gegen Panathinaikos Athen. Für die Deutschen eine Demütigung, für die Griechen ein Lehrstück. Drei ihrer heimischen Nationalspieler trafen wie selbstverständlich ins Tor von Tim Wiese: Evangelos Mantzios (58.), Giorgos Karagounis (70.) und Alexandros Tziolis (83.) katapultierten die bis dato sieglosen Gäste wieder zurück ins Millionengeschäft.

Völlig offen scheint, wer neben Inter Mailand aus der Gruppe B in die Runde der letzten 16 einzieht. Die Hanseaten haben die schlechtesten Chancen – reicht es bei Anorthosis Famagusta (26. November) und gegen Inter Mailand (9. Dezember) nicht zu siegen, könnte nicht einmal das Trostpflaster Uefa-Cup herausspringen. Oder wie Klaus Allofs sagt: "Mit dieser Leistung kommt man selbst in der Bundesliga nicht zu seinen Zielen."

Der Manager war in dieser Nacht zur Generalanklage angetreten: "Ich spüre eine große Enttäuschung. Enttäuschung ist noch zu wenig. Ich spüre Wut. Im Grunde müssen wir uns bei allen Zuschauern im Stadion und vor dem Fernseher entschuldigen." Es waren die einleitenden Sätze einer schonungslosen Abrechnung, zu der sich der 51-Jährige so viel Zeit wie nie zuvor nahm.

"So kann man in der Champions League nicht bestehen. Die zweite Halbzeit war ohne Engagement, ohne Willen. Es ist enttäuschend, dass die Mannschaft es nicht umsetzt, was der Trainer vorgibt." Loben wollte Allofs allein das Gros der Werder-Sympathisanten unter den 36.000 Augenzeugen, "die Zuschauer waren fast gnädig mit uns." Mit einer Mannschaft, die in dieser Verfassung, aber auch in dieser Zusammenstellung wohl keine internationale Zukunft hat. Wer sah, wie hilflos die gelernten Innenverteidiger Sebastian Prödl (rechts) und Petri Pasanen (links) sich auf den Außenverteidigerpositionen im Offensivspiel versuchten, der muss fragen, ob überhaupt das passende Personal im Kader steht - dem teuersten, den Werder je hatte und der eigentlich nur über Einnahmen aus der Champions League auf Dauer zu finanzieren ist. "Wir müssen das beleuchten und verstärkt hinterfragen, mit wem es weitergeht und mit wem nicht. Es reicht nicht, das Potential nur zu besitzen – man muss es auch abrufen", kritisierte Allofs.

Die heile Werder-Welt ist im Herbst 2008 aus den Fugen geraten. Das 5:1 gegen Hertha BSC vom vergangenen Samstag war ein Muster ohne Wert. Die Berliner taugten nur als braver Aufbaugegner, an dem sich die Schönwettergeister von der Weser austoben konnten. Doch wenn Spielmacher Diego viel Widerstand spürt, wenn Stürmer Claudio Pizarro zu viele Beine im Weg hat – dann geht nichts mehr.

"Es war nach dem Rückstand kein Aufbäumen zu erkennen", bemerkte Allofs, "wir sind nicht als Mannschaft aufgetreten." Zum wievielten Mal eigentlich? Das erkennen auch Frank Baumann und Mertesacker, die wahren Seismographen dieses Ensembles, das seinen Einheitsgedanken längst verloren hat. "Ich hatte gedacht, wir sind auf einem guten Wege", erklärte Baumann, "aber ich bin kein Psychologe und kenne dieses Team wohl nicht gut genug." Der Kapitän war der Verzweiflung nahe. "Wir gehen nicht richtig an die Grenzen", ergänzte Mertesacker, "wir haben wenig Argumente, die für eine Stärke innerhalb der Mannschaft sprechen."

Und auf der Bank? Erstmals musste Allofs am Absperrgitter vor der Ostkurve auch Fragen nach dem Trainer beantworten. Das verbot sich in der Hansestadt in den vergangenen Jahren. Wenn es Niederlagen setzte, führte die Ursachenforschung nie zu Thomas Schaaf. Jetzt schon.

Allofs war klug genug, keine Angriffsflächen zu bieten: "Wir sollten zuerst den Hebel bei den Spielern ansetzen". Doch der Trainer steht schon in der Schusslinie. Es gibt Kritiker, die bemängeln die Monotonie des Trainingsbetriebs. Andere hinterfragen die vielen Muskelverletzungen, das starre System und die vorhersehbaren Aufstellungen - es sind die üblichen Verdächtigungen nach solch einschneidenden Niederlagen. Allofs will davon nichts wissen: "Ich weiß, wie Thomas Schaaf arbeitet, wie er trainiert. Ich kann nur sagen, ich sehe keine Veranlassung, an dieser Position zu rütteln."

Aber wie viele Ansprachen und Aussprachen will der 47-jährige Werder-Coach eigentlich noch ansetzen, wenn sich die ewigen Versäumnisse in der Defensive, die eklatanten Willensschwächen der Einzelnen als einzige Konstante durch diese wankelmütige Spielzeit ziehen? Wie oft will Schaaf, der im Mai 2009 sein zehnjähriges Dienstjubiläum als Cheftrainer feiern würde, denn noch anprangern, was auch diesmal einem Offenbarungseid glich? "Wir sind in Passivität verfallen. Wir haben nur im Raum gestanden, sind brav nebenher gelaufen", sagte Schaaf. Natürlich ist er noch gefragt worden, ob dies der Tiefpunkt der Werder-Ära in der Königsklasse sei. Schaaf überlegte nicht lange: Nein, er erinnere sich ja an ein schlimmeres Spiel. An eine Demütigung nach dem Double, Anfang 2005. Ein 2:7 bei Olympique Lyon. Damals aber war Werder immerhin schon ins Achtelfinale gestürmt. Daran glaubt jetzt kaum noch einer.

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