Es ist ziemlich ungewöhnlich, bei einem Bundesligisten schon Mitte November die Saisonbilanz zu ziehen. Normalerweise können sich selbst die traurigsten Fälle zu diesem Zeitpunkt einreden, dass die Dinge noch besser werden. In Gelsenkirchen erlebte man aber in den vergangenen Tagen ein gefühltes Saisonende. Seit die Tabellenspitze unerreichbar fern ist, geht es für Schalke nur noch um Trostpreise wie den Gewinn des DFB-Pokals und die Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 50. Verpassen der Deutschen Meisterschaft.
Schalke-Profi Westermann: Form- und Stimmungsdelle
Massiv schlagen inzwischen aber die Transfer-Fehleinschätzungen der Vergangenheit durch, die seit Jahren für dasselbe Problem sorgen: Schalke spielt zu wenig Chancen heraus und erzielt zu wenig Tore.
In der vergangenen Saison wurde Schalke Dritter mit dem sechsten Platz auf der Tor-Rangliste, im Jahr davor verpasste der Club den Titel als Zweiter auch deshalb knapp, weil er es nur auf den fünften Rang bei den Treffern brachte. Vor drei Jahren trafen sogar sieben Mannschaften häufiger als der Tabellenvierte aus Gelsenkirchen. In diesem Jahr, so könnte man spotten, stimmt die Bilanz der Königsblauen: der achte Platz bei der Tor-Rangliste passt zum achten Platz in der Tabelle.
Zur Erklärung der Torflaute könnte man sich die Stürmer vornehmen, unter denen Kevin Kuranyi mit all seinen Mängeln ein leichtes Opfer abgebe. Doch der wahre Ursprung der Malaise liegt schon lange im Mittelfeld. Fast pathologisch wurde in den vergangenen Jahren das schnelle Spiel nach vorne beschworen, ohne im Mittelfeld Ballverteiler aufzubieten, die dem Tempo auch die nötige Präzision gegeben hätten. Wer sich nicht so sehr für Schalke interessiert, konnte im Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen England sehen, dass Jermaine Jones zwar viel Power hat, aber vernünftiges Kombinations- und Aufbauspiel hemmt.
Damit ist er nicht allein im ideenarmen Mittelfeld von Schalke 04, so dass einige Fans noch immer den kapriziösen Lincoln vermissen. Bei den Transfers der vergangenen Jahre fehlte es insgesamt an einem Sinn für echte Klasse, wie vor allem die drei verheerenden Verpflichtungen zu Beginn dieses Jahres zeigen.
Damals kam der Brasilianer Zé Roberto, der zu jenem Zeitpunkt bereits 27 Jahre alt war und schon bei neun Clubs in vier Ländern gespielt hatte. Vincente Sanchez aus Uruguay war sogar noch ein Jahr älter als Zé Roberto. Und Albert Streit, 27, hatte in Wolfsburg, Köln und Frankfurt schon seinen Mangel an Talent für große Mannschaften nachdrücklich bewiesen. Rund zehn Millionen Euro kosteten die drei Offensivspieler zusammen. Sanchez brachte es seither auf die für einen Stürmer traurige Bilanz von zwei Toren und gilt als "Edelreservist". Damit schneidet er noch gut ab, die beiden anderen können nicht einmal das von sich behaupten.
Natürlich gingen nicht alle Transfers so donnernd in die Hose, aber wie es hätte gehen müssen, zeigt die Verpflichtung Rafinhas. Sie entsprach der Klasse eines Möchtegern-Meisters und Teilnehmers der Champions League: Der Brasilianer kam jung, hochtalentiert und entwicklungsfähig. Er fügte sich schnell ein und ist heute ein Kandidat für europäische Großclubs. Schalke wäre ein Verein, der auch im Ringen um Talente wie Demba Ba, Chinedu Obasi oder Carlos Eduardo hätte mithalten können. Doch die holte Schalkes ehemalige Trainer Ralf Rangnick nach Hoffenheim.
So kickt sich Schalke mit einem Kader der Perspektivlosigkeit durch die laufende Saison. Da gibt es jene, die wie Streit, Zé Roberto oder Løvenkrands dringend abgegeben werden sollen, und bereits suspendierte Profis wie die beiden Uruguayer Grossmüller und Varela. Gealterte Kämpen wie Bordon, Krstajic oder Asamoah, die ihre besten Zeiten hinter sich haben, treffen auf ein angebliches Großtalent wie Rakitic, bei dem die Hoffnung schwindet, dass seine große Zeit überhaupt noch kommt. Vor allem aber steht der Club vor schmerzhaft langen Monaten, in denen die Verantwortlichen darüber nachdenken können, wie sie zu mehr Toren kommen wollen.
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