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09.01.2009
 

Charly Dörfel

"Ich war kein Kussverächter"

In den sechziger Jahren galt Charly Dörfel als der beste Linksaußen Europas. Doch wo andere den Nacken haben, hatte Dörfel stets den Schalk. Das kostete ihn die große Karriere. Mit "11 Freunde"-Redakteur Andreas Bock sprach er über Ungeheuer, den Dicken und Telefonstreiche.

11 Freunde: Charly Dörfel, draußen schneit es, das Thermometer zeigt minus zwei Grad, der Kaffee ist heiß und Elvis guckt cool aus dem Bilderrahmen. Ein perfekter Morgen zum Schallplattenauflegen und Musikhören.

Dörfel: Wissen Sie was: Wenn wir jetzt anfangen, Schallplatten aufzulegen, dann sitzen wir morgen noch hier. Das geht nicht so nebenher.

11 Freunde: Reden wir über Ihr zweites großes Hobby: den Fußball. Oder war Fußball für Sie mehr als ein Hobby?

HSV-Urgestein Dörfel: "Konnte bei hohen Temperaturen nicht spielen"
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Getty Images

HSV-Urgestein Dörfel: "Konnte bei hohen Temperaturen nicht spielen"

Dörfel: Ich habe während meiner Fußballkarriere als Buchhalter gearbeitet. Fußball war für mich wichtig, doch es war weniger Beruf, sondern tatsächlich vielmehr ein Hobby. Fußball war für mich immer die schönste Nebensache der Welt.

11 Freunde: Heute heißt es häufig, Sie hätten viel mehr aus dieser Nebensache machen können.

Dörfel: Vielleicht hätte ich noch mehr erreichen können als Beckenbauer oder Seeler, vom Talent her hätte ich sicherlich 100 Länderspiele machen müssen. Aber ich war eben kein Diplomat, ich hatte zu häufig ein zu lautes Mundwerk. Einen ständigen Schalk im Nacken, der mich allerdings auch gerettet hat.

11 Freunde: Inwiefern?

Dörfel: Wenn ich nicht so ein Witzbold gewesen wäre, wenn ich nicht einen solchen Galgenhumor gehabt hätte, wäre ich an den Machenschaften und Klüngeleien im Profifußball vermutlich zerbrochen.

11 Freunde: Sie meinen die Seilschaften in den Führungsetagen der Vereine?

Dörfel: Auch auf dem Platz. Beim HSV gab es in jenen Jahren einen unglaublich starken Futterneid. Dass ich so viele Jahre beim HSV gespielt habe, verdanke ich eigentlich nur Uwe Seeler. Einige bezeichnen mich als seine Braut auf dem Platz. Ich sage heute: Ich war Seelers Subunternehmer.

11 Freunde: Waren Sie der Protegé von Seeler?

Dörfel: Seeler war mein Idol. Das war er schon, bevor ich zum HSV kam. Dabei sind wir ganz andere Typen, teilweise total konträr. Aber Gegensätze ziehen sich ja an.

11 Freunde: Auf dem Platz gab es manchmal Unstimmigkeiten.

Dörfel: Das fing beim Training an. Jürgen Werner oder Uwe Reuter – die Studenten – spielten gerne mal Hacke-1-2-3, durch die Beine, Tunnel, Übersteiger und so etwas. Das mochte der Trainer nicht – und Uwe erst recht nicht. Der hatte oft keine Lust mehr und rief: "Ihr mit eurem Scheiß, dann kann ich ja in die Kabine gehen." Und die Trickser riefen zurück: "Du Arsch, geh mal nach vorne und mach deine Torschussübungen."

11 Freunde: Und im Spiel?

Dörfel: Da meckerte der Dicke auch mal. Wenn ich gemeinsam mit meinem Bruder Bernd spielte – er auf Rechts- und ich auf Linksaußen –, schossen wir uns die Bälle hin und her. Wir perfektionierten den Seitenwechsel. Außerdem wollte ich Bernd gerne in Szene setzen. Doch Uwe schrie meistens: "Dann kann ich ja auch nach Hause gehen." Ich antwortete umgehend: "Dicker, die nächste Flanke schieße ich drei Zentimeter höher, dann renkst du dir den Hals aus."

11 Freunde: In den 60er Jahren galten Sie als bester Linksaußen der Bundesliga. 1964 wurden Sie von der "L'Équipe" gar zum besten Linksaußen Europas gekürt. Was machte Sie so stark?

Dörfel: Ich war schnell und wendig. Und ich konnte mich sehr gut von hinten heranschleichen, so wie eine Katze, und dem Gegner den Ball vom Fuß stiebitzen. Das habe ich auch mal mit Pelé gemacht – und ihn dabei umgehauen. Dann lag er da, die Spieler protestierten – und ich massierte derweil Pelés Oberschenkel.

11 Freunde: Sie liebten die kleine Provokation.

Dörfel: Als wir einmal gegen Real Madrid spielten, rief ich meinen Mannschaftskameraden zu: "Guckt euch die Pinkel an, die riechen ja über den ganzen Platz nach Parfüm! Die hauen wir doch locker weg." Dabei wäre ich ja auch gerne ein solcher Pinkel gewesen. (lacht)

11 Freunde: In manchen Spielen tauchten Sie aber auch unter. Woran lag das?

Dörfel: Oft an der Hitze. Ich konnte bei hohen Temperaturen nicht spielen. 1960 trafen wir im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft auf den 1. FC Köln und es war unfassbar heiß. Ich stellte mich während des Spiels in den Schatten eines Flutlichtmastes, um der Hitze zu entkommen. Das müssen 45 Grad gewesen sein. Es war ein einziger Hitzekessel.

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