Frage: Träumen Sie von der Bundesliga?
Littmann: Die Träumereien haben sich in meiner Funktion auf das Machbare reduziert.
Frage: Das klingt sehr realistisch und sehr wenig nach Theater.
Littmann: Ja, ist aber so. Ich habe vorher viel mehr geträumt und mir ausgemalt, was möglich sein könnte. Ich sehe mir auch heute ein Spiel viel nüchterner an als früher.
Frage: Bedauern Sie das?
Littmann: Ich empfinde das als Verlust. Die Naivität ist abhanden gekommen.
Frage: Und wird selbst nach der Amtszeit nicht wiederkommen?
Littmann: Wahrscheinlich nicht. Ich sehe da erschreckende Parallelen zu meinen Liebesbeziehungen. Man wird im Laufe der Jahre immer skeptischer in Bezug auf das, was Neues auf einen zukommt. Und sei es, dass man den Geliebten, ob Mensch oder Verein, auch von seiner hässlichen Seite kennen lernt.
Frage: Was ist denn in den kommenden Jahren für den FC St. Pauli möglich? Nüchtern betrachtet.
Littmann: Wir wollen mittelfristig ein fester Bestandteil der Ersten Liga werden, nicht nur was die Beliebtheit betrifft, auch sportlich.
Frage: Ihr ehrgeizigstes Projekt ist der Stadionausbau. Kann der planmäßig vorangehen oder ist er durch die aktuelle Wirtschaftskrise gefährdet?
Littmann: Es ist eine Ironie des Schicksals, dass es dem FC St. Pauli so gut geht wie seit Jahrzehnten nicht mehr, und plötzlich geht es den Banken schlecht. Das ist eine skurrile Situation. Aber wir haben den Ausbau bis spätestens zum Jahr 2014 geplant, und ich bin nach wie vor optimistisch, dass uns das früher gelingt.
Frage: Wird die Finanzkrise für einen Erdrutsch im Profifußball sorgen?
Littmann: Ich glaube, dass es eine Selektion unter den Vereinen geben wird, wobei manche wahrscheinlich noch nicht ahnen, dass es sie trifft. Es werden nur die Clubs mit einer gesunden wirtschaftlichen Basis überleben, und das wird den deutschen Fußball verändern, davon bin ich fest überzeugt. Aber ich bin sicher, dass gerade wir, mit der Strahlkraft des FC St. Pauli, darunter nicht leiden werden.
Frage: In der Hinrunde hat die Öffentlichkeit fasziniert den Zweikampf zwischen dem großen FC Bayern und dem neureichen Emporkömmling Hoffenheim verfolgt. Wem halten Sie die Daumen?
Littmann: Wieso?
Frage: Einerseits pflegen Sie eine traditionelle Hassliebe zum FC Bayern und insbesondere zu Manager Uli Hoeneß ...
Littmann: ... Hassliebe ist der völlig falsche Ausdruck. Was uns verbindet, ist ein großer gegenseitiger Respekt, und ich finde, dass Uli Hoeneß eine der erfrischenden Figuren im deutschen Fußball ist. Ohne ihn und seine bayerischen Kommentare würde mir sehr viel fehlen.
Frage: Und was können Sie mit Dietmar Hopp anfangen, Selfmade-Unternehmer wie Sie?
Littmann: Kommerziell wesentlich erfolgreicher als ich ... (lacht) ich bin ihm noch nicht begegnet, deshalb kann ich nur sagen, dass mir die Spielweise der Hoffenheimer ausgesprochen gut gefällt. Andererseits kann ich verstehen, dass ein gewissermaßen künstlicher Verein wie die TSG Hoffenheim bei vielen Fans auf Bedenken und Antipathien stößt. Ich glaube auch, dass das kein Modell für den deutschen Fußball sein kann. Die Abhängigkeit von einem Mäzen hat in der Vergangenheit nie zum dauerhaften Erfolg geführt.
Frage: Werden Sie es noch erleben, dass sich ein aktiver Profifußballer als Schwuler outet?
Littmann: Ich glaube schon, weil ich ja über 80 Jahre alt werde, und bis dahin ist es noch ein ganzes Stück hin. Aber ich kann nicht sagen, dass das mein größter Wunsch für den Fußball wäre. Im Sinne der betroffenen Spieler und der Vereine wäre mir das sehr lieb, doch mein persönliches Problem ist es nicht.
Frage: Finden Sie es bizarr, dass alle Welt zu raten versucht, wer die schwulen Spieler sind, die es irgendwo da draußen geben muss?
Littmann: Dieses Quiz findet schon sehr lange statt, spätestens seit Beginn meiner Präsidentschaft. Ich werde das ja andauernd gefragt. Doch das einzige, was mich daran interessiert, ist das Leben dieser Spieler, die 24 Stunden am Tag eine ungeheure Energie aufwenden müssen, um ein Doppelleben zu führen. Was das für einen Menschen bedeutet, ist schwer zu ermessen.
Frage: Sie haben einmal gesagt: "Wenn ihr nach einem sucht, dann guckt doch nach dem, der die meisten Gelben Karten gesehen hat."
Littmann: Ein schwuler Spieler wird versuchen, auch nur den Anschein eines Verdachtes zu vermeiden. Und weil den Schwulen oft Weichheit oder Unmännlichkeit unterstellt wird, wird er sich genau gegenteilig verhalten.
Frage: Angenommen, es käme heute ein Spieler zu Ihnen und würde Sie fragen, ob er ein Outing riskieren soll: Würden Sie ihm zu- oder abraten?
Littmann: Ich würde versuchen, die möglichen Konsequenzen zu verdeutlichen. Ein einzelner Spieler müsste auf eine öffentliche Aufmerksamkeit im positiven wie negativen Sinne gefasst sein, die sich einzig und allein auf seine Sexualität fokussiert. Dabei ist die ja nur ein kleiner Teil seiner Persönlichkeit und hat mit seiner Fähigkeit, Fußball zu spielen, überhaupt nichts zu tun. Wenn einer glaubt, das aushalten zu können, dann würde ich sagen: Mach es.
Die Fragen stellte Jens Kirschneck
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