Ich liebe das Abenteuer. Aber mein Engagement 2000 in der Türkei war eine geradezu gespenstische Erfahrung. Bursaspor war über eine Agentur an mich herangetreten. Schon im Vorfeld reiste ich in die Türkei, machte mir ein Bild von den Gegebenheiten und verpflichtete schließlich die Spieler Martin Spanring, Marc Ziegler und Ion Lupescu. Meine Familie zog auch nach Bursa, ich sah diese Anstellung also keineswegs als Zwischenepisode.
Fußballtrainer Berger: Handy aus, Haus verwüstet
Das Trainingsgelände war klasse, auch die Unterbringung genügte höchsten Ansprüchen. Wenn meine Frau in Istanbul landete, wurde sie mit dem Helikopter abgeholt und nach Bursa weitergeflogen. Doch das hörte schon auf, als wir die ersten beiden Spiele verloren hatten. Nun musste sie sechs Stunden mit dem Auto auf die andere Seite des Marmarameers fahren.
Das zeigte mir: Wenn man gewinnt, ist alles möglich; wenn man verliert, bricht alles zusammen. Genauso dachten die 19 Präsidenten, mit denen ich es zu tun hatte. Jeder von ihnen hatte einen Spieler gekauft und wollte, dass der auch spielt. Irgendwann sagte ich zu ihnen: "Jetzt mache ich einmal die Aufstellung so, wie ihr es wollt."
Prompt verloren wir zu Hause 2:5 - und die Hölle brach los. Meine Frau und meine Kinder mussten unter Polizeischutz aus dem Stadion geleitet werden. In der Kabine erwarteten mich schon drei der 19 Präsidenten: "Das ist zu gefährlich, verlassen Sie besser das Land." Klar: Sie wollten mich loswerden, ohne mir eine Abfindung zahlen zu müssen.
Aber ich bewahrte die Ruhe. "Ich bleibe hier", sagte ich. "Ich habe einen Vertrag." Wenige Stunden später war schon mein Handy tot, am nächsten Morgen fehlte das Nummernschild am Wagen. Aber ich wollte mich nicht davonjagen lassen. Bei der nächsten Unterredung mit den 19 Präsidenten forderte ich auf Anraten meines Anwalts Christoph Schickhardt, dass man mir eine schriftliche Kündigung ausstellen solle.
"Warum?", riefen sie. "Wir sind Ehrenmänner." Das Gespräch zog sich über Stunden. Dass ich dabei so ruhig blieb, störte einen von den Clubbossen derartig, dass er plötzlich eine Pistole zog und sie auf den Tisch warf. "Das ist die Sprache, die wir sprechen", schrie er. "Jetzt geht ja gar nichts mehr", dachte ich und fuhr zu meinem Haus. Es war verwüstet.

Mehr über Jörg Berger auf der Themenseite.
Nun war der Punkt erreicht, an dem wir das Land wirklich verließen. Wir fuhren morgens um sechs, schwer bepackt, mit der Fähre nach Istanbul und flogen von dort nach Deutschland. Schickhardt wollte sich noch einmal mit den Offiziellen treffen. Sie hatten ihn in eine Absteige nach Istanbul bestellt - als er die sah, drehte er gleich wieder um.
Das folgende Gerichtsverfahren zog sich über fünf Jahre hin. Erst vor Kurzem rief Schickhardt mich an uns sagte: "Wir haben gewonnen." Und dennoch: So schnell werde ich nicht wieder Trainer in der Türkei.
Protokoll: Dirk Gieselmann
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema Fußball international | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH