Das zugegeben leicht hässliche Gefühl, dass diese Krisenzeiten endlich mal die Richtigen treffen, verlässt mich einfach nicht mehr: Erst waren die Banker dran, dann die Autobauer, jetzt der FC Bayern. Das 0:0 in Bremen war das Spiel zur Krise. 75 Minuten Überzahl, und das Resultat ist nichts, nullkommanichts. Jürgen Klinsmann dürfte demnächst Kurzarbeit drohen, wenn das so weitergeht und die bayerische Staatskanzlei keinen staatlichen Rettungsschirm aufspannt.
Bayern-Profis van Bommel, Rensing, und Ottl (v.l.): Münchner Frust
An sich musste man ja froh sein, dass das gesamte Krisenvokabular endlich mal dort angekommen ist, wo es seit jeher hingehört: in der Politik und beim Wirtschaftssystem, und nicht bei so etwas vollkommen Irrelevantem wie Fußball. Doch Klinsmann hat das Krisengefühl durch seine zahlreichen personellen und taktischen Irrlichtereien wieder der Bundesliga zurückgebracht. Da hilft mittlerweile auch das Konjunkturpaket I nicht mehr viel, das Manager Hoeneß mit dem Kauf von Ribéry, Klose, Zé Roberto und Toni vor zwei Jahren geschnürt hatte. Und was eine "Bad Bank" ist, weiß Lukas Podolski wohl mittlerweile am allerbesten. Wie Klinsmann mit seinem Sommermärchen-Nationalstürmer umgeht, ist pure Kapitalvernichtung.
Werder Bremen ist an diesem Nachmittag nach der frühen Roten Karte gegen Naldo nichts groß vorzuwerfen gewesen. In so einer Situation spielt man nun mal vorzugsweise auf 0:0 und hofft auf den einen entscheidenden Konter. Klinsmann dagegen ist wieder einmal nichts eingefallen. Den bestenfalls nur noch geduldeten Lukas Podolski als zweiten Stürmer zur Pause zu bringen - das heißt für ihn vermutlich schon, maximal über den eigenen Schatten zu springen. Statt sofort nach der Roten Karte mit zusätzlichen Stürmern den Druck weiter zu erhöhen, die Schockstarre der Werderaner auszunutzen, den angeschlagenen Gegner in den Würgegriff zu nehmen - all das wäre ungewöhnlich, da mutig gewesen - lässt er larifari weiterspielen, so lange, bis sich die Bremer auf die neue Lage eingestellt hatten. Schwach.
Das Bild des Jürgen Klinsmann nach außen war immer ein extrem unscharfes, als Mensch, als Spieler, als Trainer. Eine Fußball-Sphinx, beinharter Mobber oder ganz netter Kerl, ein Softie oder ein Hardliner, Piranha oder Goldfisch oder alles von jedem. Ganz schwer einzuschätzen. Die Zeit bei den Bayern hat ihn erstaunlicherweise noch profilloser werden lassen. Er lächelt die zahlreichen schwachen Vorstellungen seines Teams in der Öffentlichkeit nach wie vor weg, gibt in vorauseilender Leutseligkeit zu, dass es an seinem Team mal wieder nichts zu loben gab - nach innen demonstriert er zwar ab und an Härte, beraubt dabei jedoch Spielern wie van Bommel oder Podolski durch publikumswirksame Demontage ihrer Stärken - und hat auch nach acht Monaten Übungsleitung keinen einzigen Spieler in seiner Entwicklung weitergebracht.
Bremer Zuschauern muss das Wasser in den Augen gestanden haben, als sie sahen, welcher Schattenmann aus Tim Borowski geworden ist, seit er kein grün-weißes Trikot mehr trägt. Wenn Klinsmann so weitermacht, die Qualitäten seiner Spieler zu nivellieren, dann wird auch Ribéry wahrscheinlich tatsächlich irgendwann ein zu Guttenberg. Zu wünschen wäre das dem Franzosen nicht.
Das letzte Gastspiel der Bayern im Weserstadion (4:0) bot berauschenden Fußball. Ribéry auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, Hamit Altintop voller Sturm und Drang, Luca Toni treffsicher, Zé Roberto mit grandioser Übersicht - insgesamt traumhafter Fußball. Die Mannschaft ist personell seitdem beinahe unverändert. Nur auf der Trainerbank saß jemand anders.
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