Von Philipp Köster
Es sollte einer der Höhepunkte der Eröffnung des Stadions in Sinsheim sein: die Vorstellung der neuen Vereinshymne der TSG Hoffenheim. Doch was dann aus den Lautsprechern der fabrikneuen Arena dröhnte, musste selbst wohlmeinenden Anhängern literweise Angstschweiß auf die Stirn treiben. "Hoffe! Hoffe! Superhoffe" röhrte eine Band mit dem industriell gefertigten Namen "Rhein-Neckar-Helden" ins Rund.
Wer nun allerdings hämisch fragt, warum der Traditionsclub erst nach rund 108 Jahren prallen Vereinslebens auf die Idee kommt, sich eine eigene Hymne komponieren zu lassen, und außerdem schadenfroh darauf hinweist, dass der Sänger aussieht, als würde er die Tür einer Diskothek im Großraum Leipzig bewachen, der möge in die anderen Stadien blicken und begreifen: Dort ist alles noch viel, viel schlimmer.
Nur wo anfangen? Vielleicht im Norden, in Rostock. Dass man sich bei Hansa, wo man ja stets großen Wert darauf legt, nicht aus dem Osten zu stammen, ausgerechnet von den kreuzbraven Zonenrockern der Puhdys eine Hymne hat schreiben lassen, mutet bereits höchst merkwürdig an.
Dass im Ostseestadion auch noch beseelt mitgesungen wird, wenn Dieter "Maschine" Birr den debilen Refrain "Du bist so genial, wir lieben dich tota-hal" krakeelt, wirft die Frage auf, ob in den Schulen der Hansestadt nicht der Musikunterricht von Grund auf reformiert werden müsste. Zumal die Puhdys zuvor schon die Anhänger des FC Union Berlin mit einer Hymne zwangsbeglückt hatten, die das Niveau der Rostocker Variante noch einmal mühelos unterbietet.
Ähnlich desaströs ist die Situation bei Energie Cottbus. Dort hieß es lange Jahre im offiziellen Vereinslied in erstaunlicher Selbsterkenntnis: "Aus der Lausitz kommen Leute mit 'nem eigenen Humor". Das würde sowohl den Bandnamen Die Übeltäter als auch den komplett verkorksten Refrain "Energie, da wie noch nie" erklären. Nicht aber, warum man sich in Cottbus anschließend eine neue Hymne gab, in der offenbar aus Rücksicht auf die Aufnahmefähigkeit der Stadionbesucher ausschließlich sehr simple Formulierungen dargeboten werden: "Fußball ist hier, Cottbus sind wir, Fußball mit Energie." Das kann selbst Birr besser.
Noch größer als im Osten ist der musikalische Notstand allerdings auf der Bielefelder Alm. Völlig ironiefrei singt dort ein Barde mit dem rührenden Pseudonym Willy d'Villa einen wirren Text, der offenbar ursprünglich für ein rundes Jubiläum des Bielefelder Alpenvereins getextet worden war: "Gemeinsam haben wir viel erreicht, ein Weg bergauf ist niemals leicht, du hast die Kraft, bald werden wir ganz oben sein." Und das bei einem Club, der seit 1923 mangels Erfolgen seinen Briefkopf nicht mehr ändern musste.
Es ließen sich aber bei nahezu jedem Club der ersten oder zweiten Liga derartige musikalische Kapitalverbrechen finden. Ob bei Hertha BSC, wo nun schon seit vielen Jahren Frank Zanders Obdachlosenverhöhnung "Nur nach Hause gehen wir nicht" als offizielle Hymne durchgeht.
Oder beim Hamburger SV, wo zum Schaden des Vereins offenbar Floskeln aus Verkaufsprospekten für Villen in Blankenese ("An der Elbe werden Träume wahr") und Volkshochschul-Englisch der untersten Kategorie ("We'll stay together") zusammengerührt werden. "HSV forever and ever" heißt der offizielle Vereinssong. Beliebt ist auch "Hamburg, meine Perle", dargeboten von der Lokalgröße Lotto King Karl. Über eine Zeile wie "Wenn du aus Cottbus kommst, kommst du eigentlich aus Polen" freut sich dann auch die blut-und-bodenständige Fraktion.
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