Von Philipp Köster
Müßig, darüber zu klagen. Zumal gerade die hier so gescholtenen Songs in den Stadien oftmals Begeisterung auslösen. Was nur daran liegen kann, dass der Fußball auch auf dem musikalischen Gebiet seine ganz eigenen, sehr merkwürdigen Gesetze hat. Die wichtigste Regel beim schmierigen Stadionrock ist dabei der manische Reimzwang. Alles passt wunderbar zusammen: Bielefeld und Welt, Region und Religion, gut und Mut, untergehen und zusammenstehen, und besonders schön in der Hymne des KSC formuliert: "Viele Dinge auf der Welt, kann man kaufen für Geld."
Ein Zweizeiler, für den man selbst auf dem evangelischen Kirchentag und bei Fliege TV hämisch ausgelacht würde, im Karlsruher Wildpark wird er jedoch unverdrossen gesungen, von einer Frau, deren Stimme irgendwo zwischen Pe Werner, Peter Maffay und rostiger Gießkanne oszilliert. Und wüsste man nicht vom Plattencover, dass es sich um Interpreten unterschiedlichen Geschlechts handelt, man könnte schwören, dass dieselbe Dame direkt nach der Aufnahme schnell hinüber ins Tonstudio nach Kaiserslautern gefahren sein muss.
Denn die Ähnlichkeiten beider Songs sind verblüffend. Hier wie dort der gleiche wabernde Soundteppich mit integrierter E-Gitarre, ein Erlebnis in bester Tradition von REO Speedwagon. "Can't fight this feeling". Auch im Lauterer Song wird auf Teufel komm raus gereimt: "Geht's mir mal nicht mehr gut, machst du mir neuen Mut."
Der Eunuchengesang auf der Lauterer Platte führt aber auch noch in eine andere textliche Untiefe der Stadionhymnen. Denn zuverlässig driftet noch jedes Vereinslied irgendwann in Richtung Wehrmachtsbericht. "Wir kämpfen, siegen, geben niemals auf" singen sie in Hoffenheim.
Und fast pathologisch wird in jedem Song spätestens in der zweiten Strophe die Machtfrage gestellt, ob in Hamburg ("Hamburg ist die Macht"), in Leverkusen ("Die Macht am Rhein"), Oberhausen ("Die Macht vom Niederrhein") oder vorbildlich endgereimt in Kaiserslautern ("Du bist die Macht, die alles schafft").
Im merkwürdigen Kontrast dazu setzen andere Vereine wie Hannover 96 auf samtweichen Kuschelrock: "Du hast uns viel gegeben, du bist der Mittelpunkt in unserem Leben." So etwas singt man normalerweise nur im Altersheim, wenn es die Oma nicht mehr lange macht.
Aber all dies liest und singt sich auch deshalb so furchtbar, weil die Clubs aus Kostengründen gerne auf allzu prominente Interpreten verzichten und stattdessen auf das alte Zombie-Motto setzen: Wenn die Hölle voll ist, kommen die Toten auf die Erde zurück. Und so stehen dann angejahrte Untote mit absurden Frisuren auf dem Rasen und grölen mit grotesk verzerrten Mündern in ein Mikrofon, das vorsichtshalber gar nicht erst angeschaltet wird. Man weiß ja nie, und mit Playback kann man nichts falsch machen.
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