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23.04.2009
 

Pokalheld Wiese

Große Klappe, großer Auftritt

Von Christoph Ruf

Vom Sprücheklopfer zum Fußballhelden: Mit einer sensationellen Leistung im DFB-Pokal-Halbfinale sicherte Torwart Tim Wiese Werder den Triumph gegen den HSV. Vor dem Spiel hatte er mit Provokationen gegnerischer Fans für Wirbel gesorgt - nach dem Spiel gilt er manchen als Deutschlands Nummer eins.

Hamburg - Länger kann sich ein 1,93 Meter großer Mensch nicht machen. Mit der maximalen Körperspannung streckte sich Werders Torwart Tim Wiese in Richtung des Balls, den er auch im Sprung fest im Blick hatte, und lenkte nach dem Schuss von Jérôme Boateng auch den besser getretenen Elfmeter von Ivica Olic zur Seite ab. Als er kurz darauf sogar noch den Schuss von Marcell Jansen pariert hatte, stand Werder im DFB-Pokal-Finale.

Und Tim Wiese rannte los.

Verfolgt von einem knappen Dutzend Mannschaftskameraden, die Wieses Leistung alle so "grandios" (Clemens Fritz), "unglaublich" (Sebastian Boenisch) und "absolutely perfect" (Diego) fanden wie Wiese selbst, spurtete der in Gelb gekleidete Torhüter zur gegenüberliegenden Kurve, wo er sich von den etwa 6000 Werder-Fans ausgiebig feiern ließ.

Dass sich da mehr Bahn brach, als sich in mehr als 120 nervenaufreibenden Spielminuten mit einem 1:1 nach regulärer Spielzeit, einer Roten Karte und einem Elfmeterschießen anstauen kann, gab Wiese später trotzig zu Protokoll: "Ich wurde im Vorfeld ja als böser Bube hingestellt, da ist so ein Abend eine absolute Genugtuung." Um danach ein wenig staatstragend anzufügen, dass "man ja auch was reißen" müsse, "wenn man große Sprüche reißt". Wiese hatte einen Tag vor dem Spiel mit deutlichen Aussagen in der "Bild"-Zeitung die Stimmung angeheizt und die Hamburger Fans provoziert.

Kurz vor Wieses Triumphspurt war ein Elfmeterschießen zu Ende gegangen, von dem Torsten Frings angeblich schon von Beginn an geahnt hatte, dass es sein Team gewinnen würde: "Wir hatten eine Riesenchance, weil Tim ein richtiger Elfmeterkiller ist." Komischerweise sah das Per Mertesacker, der die frühe 1:0-Führung (11.) - Olic glich in der 67. Minute aus - der insgesamt stärkeren Bremer erzielt hatte, ganz anders: "Im Training hält Tim gar nicht so viele Elfmeter."

Elfmeter hin oder her - an der Einschätzung, dass der Werder-Keeper über sich hinausgewachsen war, gab es an diesem Abend wenig zu deuteln. Werder-Manager Klaus Allofs verstieg sich zu einer rhetorischen Frage, die er kurz darauf zu bereuen schien ("das Adrenalin ..."): "War eigentlich Jogi Löw im Stadion? Oder hat heute auch Hoffenheim gespielt?"

Allofs Adrenalinspiegel hätte allerdings gar nicht die schwindelerregenden Höhen erreichen müssen, schließlich hatte sich Werder in der regulären Spielzeit als das klar bessere Team erwiesen und den HSV zumindest in der ersten Halbzeit ganz schön vorgeführt. Dazu genügte ein halbwegs sicheres Passspiel und ein Diego, der in einer Viertelstunde mehr Kreativität entfaltete als der Gastgeber in der gesamten ersten Hälfte. Der ebenfalls starke Mesut Özil und Diego mögen in der Liga geschont worden sein, weil bei Werder derzeit aller Ehrgeiz in den DFB-Pokal gesteckt wird. Merkwürdigerweise trat allerdings der HSV im ersten Durchgang auf, als schone sich die ganze Mannschaft.

Symptomatisch das Tor zur Gästeführung: Nachdem ein Diego-Freistoß an die Latte geklatscht war, zeigte sich ausgerechnet der klassische Defensivfachmann Per Mertesacker beim Verwerten des Abprallers gedankenschneller als gleich fünf Hamburger Abwehrspieler, die dem Ball und dem Bremer ehrfürchtig zuschauten und die Bremer Führung bestaunten. Nach vorne ging beim HSV gar nichts. "Werder", analysierte HSV-Coach Martin Jol zu Recht, "war in der ersten Hälfte im Mittelfeld überlegen, unsere Stürmer waren keine Anspielpunkte."

Nach 37 Minuten forderte das Hamburger Publikum seine elf Repräsentanten auf dem Feld in seiner Not zum "Aufwachen" auf. Zufriedener waren die Bremer Fans, deren Lieblinge statt in Grün-Weiß in Orange-Grün-Schwarz aufliefen, das Transparent in der Werder-Kurve ("Kämpft für unsere Farben") aber dennoch umsetzten. In der zweiten Halbzeit ging der HSV entschlossener zu Werke. Als in der Nachspielzeit Özil auf das Hamburger Tor zulief, riss ihn David Jarolim um - der insgesamt hervorragende Schiedsrichter Knut Kircher zeigte glatt Rot.

DFB-Pokal-Finale
Leverkusen - Bremen 30.05.09 in Berlin
Komischerweise spielte der HSV danach deutlich besser und setzte auch läuferisch Reserven frei, die bereits zu Beginn aufgebracht zu sein schienen. Das Hamburger Publikum war begeistert und entsprechend laut - tapfer kämpfend rettete sich der HSV ins Elfmeterschießen.

Obwohl Stürmer Mladen Petric, dessen Schienbeinverletzung am Abend mit acht Stichen genäht wurde, für zwei bis drei Wochen ausfällt, hat der HSV immer noch zwei Gelegenheiten, in dieser Saison Titel zu gewinnen - ob in der Meisterschaft (derzeit ist der Club mit 54 Punkten und drei Zählern Rückstand auf Wolfsburg Dritter in der Liga) oder im Uefa-Pokal (im Halbfinale wieder gegen Werder).

Auf dem Nachhauseweg tat ein Pulk singender Hamburger Anhänger schon einmal gekonnt so, als habe der DFB-Pokal sowieso niemanden interessiert - außer ein paar bemitleidenswerten Bremern, die nur durch den Pokalgewinn eine verkorkste Saison retten können: "Istanbul ist schöner als Berlin." In der türkischen Metropole findet am 20. Mai das Uefa-Cup-Finale statt.

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