Eine Analyse von Christian Gödecke
Hamburg - Noch vor wenigen Wochen hätte sich so mancher Münchner vor Lachen auf die Schenkel geklopft, hätte jemand behauptet, der FC Schalke 04 sei mit seinem Vorbild FC Bayern endlich auf Augenhöhe. Die Königsblauen galten an der Isar als einer jener Vereine, die erfolglos versuchten, zum Rekordmeister aufzuschließen.

Bayern-Manager Hoeneß: Auf der Suche
Damit ist jetzt Schluss.
Erst versuchten die Gelsenkirchner, die Bayern-Ikone Oliver Kahn als Manager zu verpflichten. Dann gewannen sie 1:0 in München und schossen Jürgen Klinsmann aus dem Amt. Schalke-Keeper Manuel Neuer jubelte provokativ mit der Eckfahne in der Hand - so wie Kahn im Jahr 2001, als die Münchner den Schalkern in letzter Minute die Meisterschaft entrissen hatten. Seit der FC Schalke erst Manager Andreas Müller und dann Trainer Fred Rutten entlassen hat, hat der Club alle vier Spiele gewonnen - und zwar zu Null. Es scheint, dass nun die Königsblauen zu einem Vorbild geworden sind.
Der FC Bayern hat stattdessen die Rolle des Chaos-Clubs von Schalke übernommen. Während die Gelsenkirchener den Erfolg und mit Mike Büskens auch einen Trainer gefunden haben, suchen die Bayern-Bosse nach einer kompletten neuen Führungsriege:
Zunächst einmal braucht der FC Bayern einen Manager, der Uli Hoeneß ersetzen soll. In München glauben sie, dass diese Aufgabe für eine einzige Person zu groß ist, weshalb sie nun nach mindestens zwei Männern Ausschau halten. Oder werden es sogar noch mehr? Als Beobachter wartet man förmlich darauf, dass mehrere Neu-Manager im Bus an die Säbener Straße gekarrt werden, um sich all die Geschäftsbereiche aufzuteilen.
Uli Hoeneß ist seit 1979 im Amt. Er hat den FC Bayern zu dem gemacht, was er heute ist: groß, erfolgreich, finanziell gesund. Er ist der FC Bayern, und deshalb dachte man eigentlich immer, Hoeneß würde seine Nachfolge im Testament regeln - irgendwann 2040 oder so. Vermutlich dachte das auch Hoeneß selbst lange Zeit. Dann entschied der 57-Jährige aber, zum Jahresende Bayern-Präsident werden zu wollen und Franz Beckenbauer nachzufolgen, also ein bisschen ruhiger zu treten.
Jetzt sucht Hoeneß schon länger nach einem Nachfolger, findet ihn aber nicht. Das Dumme ist: Neuerdings muss der Kandidat auch noch zu einem Trainer passen, den man noch gar nicht hat.
Der FC Bayern München sucht nämlich auch nach einem Übungsleiter für die neue Saison. Für den gibt es immerhin schon ein Anforderungsprofil, das allerdings 20 Din-A4-Seiten füllen könnte. International erfahren soll er sein, dazu eine Respektperson, erfolgreich, nicht zu alt, deutschsprachig, er soll die Mannschaft langfristig entwickeln und kurzfristigen Erfolg haben. Die eierlegende Wollmilchsau also. Außerdem sollte der Neue so wenig wie möglich an Jürgen Klinsmann erinnern. Joachim Löw wird er also garantiert nicht heißen.
Aber das ist ja noch längst nicht alles. Der FC Bayern München des Jahres 2009 sucht auch Sicherheit. Die Welt des Rekordmeisters ist ins Wanken geraten, nachdem das Erneuerungsexperiment mit Klinsmann so grandios gescheitert ist. Die in jeder Hinsicht spektakuläre Saison - eine einzige Achterbahnfahrt, auf der sich 5:1-Siege wie im Pokal in Stuttgart oder das 7:1 in Lissabon mit einer Heimniederlage gegen Köln oder einem 0:4 in Barcelona abwechselten - soll jetzt durch Altgediente und Altbewährte gerettet werden. Ottmar Hitzfeld, 60, wurde angefragt. Als der ablehnte, waren Jupp Heynckes dran und der treue Michel Hermann Gerland. Männer von gestern sollen im Heute kurzfristigen Erfolg haben, und man fragt sich, ob da nicht auch noch Platz für Udo Lattek und Rolf Schafstall auf der Bayern-Bank gewesen wäre.
Vielleicht werden ja Heynckes-Gerland noch Meister. Aber was dann? Und was, wenn nicht?
Man muss gar nicht das Schreckensszenario eines Verpassens der Champions League an die Wand malen - die Probleme türmen sich schon jetzt. Das internationale Renommee des glorreichen Clubs hat nicht nur durch die Bankrotterklärung in Barcelona gelitten. Seit dem Triumph 2001 hat der deutsche Rekordmeister in der Champions League keinen Erfolg mehr gehabt - wenn man Erfolg nicht mit 50 Millionen Euro Einnahmen (2008/2009) gleichsetzt, sondern mit einer Halbfinalteilnahme. Viel schlimmer aber als die Erkenntnis, trotz Ribéry oder Toni oder Klose keine Mannschaft von europäischer Topklasse zu besitzen, muss für die Bayern-Führung die Erkenntnis sein, dass sich auch im Tagesgeschäft eine Zeitenwende ankündigt.
Wo es in den vergangenen 30 Jahren mit wenigen Ausnahmen immer nur um die Frage ging, welcher auserwählte Club für eine gewisse Zeit die Bayern ärgern könnte (Gladbach, Hamburg, Bremen, Dortmund, wieder Bremen), gibt es nun eine ganze Schar von Konkurrenten, deren Erfolg allem Anschein nach eine gewisse Nachhaltigkeit entwickelt. Ob Wolfsburg, Hamburg, Berlin, Stuttgart, auf Sicht auch Dortmund, Schalke und Bremen - die halbe Bundesliga ist mittlerweile in der Lage, die Bayern herauszufordern. Und sie weiß das auch.
Unter diesen Voraussetzungen sind die Entscheidungen, die die Bayern-Bosse nun treffen müssen, noch einmal viel wichtiger. Es ist so, als stünde der Bayern-Vorstand auf dem Jahrmarkt beim Büchsenwerfen: Er muss mit seinem letzten Wurf abräumen.
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