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14.05.2009
 

Bundesliga-Kommentar

Wer Meister werden muss

Von Peter Unfried

Die Meisterschaft ist spannend wie selten, aber wer hätte den Titel nun verdient? Nicht die Bayern - das wäre langweilig. Hertha - zu unspektakulär. Wolfsburg - geht für viele gar nicht. Muss es aus einem Grund aber doch werden.

Vier Clubs, zwei Spieltage, ein Ziel: In der Fußball-Bundesliga ist das Rennen um die Deutsche Meisterschaft kurz vor Schluss eng wie selten seit dem Gründungsjahr 1963/64. Tabellenführer VfL Wolfsburg (63 Punkte), Titelverteidiger Bayern München (63), Hertha BSC Berlin (62) und der VfB Stuttgart (61) hoffen alle darauf, mit zwei Siegen in den kommenden neun Tagen den Titel zu holen.

VfL-Stürmer Grafite gegen BVB-Torhüter Weidenfeller: Wuchtig
DPA

VfL-Stürmer Grafite gegen BVB-Torhüter Weidenfeller: Wuchtig

Lassen wir die ökonomisch, strategisch und perspektivisch wichtige Sache mal außen vor, dass es neben dem Titel oder gleichrangig auch um den Gewinn der Champions-League-Plätze geht. Handelt es sich tatsächlich um die aufregendste Meisterfrage aller Zeiten?

Für die Fans der beteiligten Clubs - außer den abgebrühten Bayern - womöglich schon. Ansonsten tut es das nicht. Für großflächige Anteilnahme in allen Bereichen der Gesellschaft fehlt der Plot, die klar konturierte und sofort verständliche Geschichte, die Konstellation Klein gegen Groß, Außenseiter gegen Favorit und vor allem: Gut gegen Böse.

Traditionell gibt es Millionen Bayern-Fans und Abermillionen Anti-Bayern-Fans; genau davon lebt das Geschäft. Das hat die Abermillionen in den vergangenen Jahrzehnten zu temporären Kaiserslautern-, BVB-, Werder-Bremen- oder in einer ganz schwachen Stunde sogar zu Schalke-Sympathisanten gemacht. So eine Zuneigung für ein vermeintliches Gegenmodell zum FCB gibt es zur Stunde nicht. Kein Wunder: Sie muss sich langsam aufbauen.

Tat sie auch. In der Vorrunde.

Der Club hieß 1899 Hoffenheim. Die Begeisterung wuchs von Woche zu Woche, falls sich noch jemand von den Älteren daran erinnert. Nach dem Rückschlag im Reiche Rangnick entstand in der Rückrunde Gefühlsverwirrung, die bei vielen Fans in Desinteresse mündete.

Die naheliegende Lösung als Bayern-Antipode hieße VfL Wolfsburg. Von fast ganz hinten in zwei Jahren nach fast ganz oben. Kleine, oft geschmähte Stadt trotzt allen Widrigkeiten. Tabellarisch überragende Rückrunde, dazu überragender Offensiv-Fußball. Und ist nicht alles irgendwie besser als Bayern? Doch hier erleben wir selbst bei ausgewiesenen Fußballfachleuten und/oder Bayern-Hassern eine teils emotionale, teils kulturelle Blockade. Für Wolfsburg sein? "Das geht ja gar nicht", sagen sie voller Inbrunst.

Warum? Weil Wolfsburg nicht gehe. Basta.

Der Fall Hertha BSC Berlin liegt ähnlich. Die Ablehnung ist nicht ganz so inbrünstig, aber für Hertha sein? Das vermögen selbst in Berlin deutlich weniger, als es die Springer-Medien ("Hurra, Ekstase, Riesig, Triumph, Halleluja, Affengeil") phantasieren. Selbst der VfB Stuttgart taugt schon in Freiburg oder Karlsruhe nicht mehr als Meister der Herzen. Ein Titel, hat Philipp Selldorf in der "Süddeutschen Zeitung" geschrieben, brauche einen "moralischen Hintergrund". Doch wo ist die Moral?

Klar ist: Eine erneute Meisterschaft der Bayern hätte mit Sicherheit den geringsten moralischen Hintergrund, einen sehr geringen Unterhaltungsfaktor und eine extrem betrübliche Moral von der Geschichte. Die lautet im Fall des Falles, dass Serienmeister Bayern selbst in einem Krisenjahr mit abgebrochenem internationalen Entwicklungsversuch und nationalem Rückschritt immer noch zu gut für den Rest ist. Gähn.

Würde Interimstrainer Josef Heynckes, 64, seinem Nummer-Sicher-Nachfolger Louis van Gaal die erneute Meisterschaft hinterlassen, es wäre zwar eine romantische Personality-Geschichte, aber nicht gerechtfertigt durch einen inhaltlichen Kern. Noch schlimmer: Es machte die aktionistische Entlassung des vermeintlichen Königs der Konzepttrainer (Jürgen Klinsmann) zur entscheidenden Leistung des Bayern-Jahres - und konterkarierte damit das Jahr der Konzepttrainer, das Jahr des womöglich tatsächlich nachhaltigen Aufbaus von neuen Spitzenclubs und Spitzenteams.

Damit meine ich Felix Magath in seinem zweiten Jahr, Jürgen Klopp in seinem ersten beim BVB und Martin Jol im ersten beim HSV, Ralf Rangnick im dritten bei 1899 Hoffenheim (Regionalliga/Zweite Liga/Bundesliga) und ganz speziell Lucien Favre im zweiten Jahr als Trainer und Entwickler von Hertha BSC.

Wenn man die Moral oder Gerechtigkeit über den Trainer suchte, müßte der Titel an Lucien Favre und damit an Hertha gehen. Im Gegensatz zu Felix Magath hatte er nicht die VW-Millionen für seinen Komplettumbau zur Verfügung. Im Gegensatz zum während der Saison beförderten Markus Babbel - davor Assistent von Armin Veh - hat er das Team personell und konzeptionell komplett zu einem Favre-Team gemacht. Es gibt nur ein klitzegroßes Problem. Der Fußball. Favres durchorganisierter Kontrollfußball ist beachtlich, aber es fehlt jenes spektakuläre Moment, das die großen Gefühle der neutralen Fans hervorbringt. Und das immer ein Argument sein muss, wenn man denn tatsächlich jenseits der üblichen Hilfsargumente über "Berechtigung" von Titeln reden will.

Manche vermuten, Felix Magath sei kein Konzepttrainer, sondern reüssiere über "Magic Money" wie Arsène Wenger das große Geldausgaben nennt. Sein "Konzept" sei der eigens aufgeschüttete Hügel, den die Spieler täglich raufrennen müssen. Aber oder trotzdem: Den spektakulären Fußball in der Rückrunde hat Magath spielen lassen. Dank seiner beiden Angreifer, die das Ganze über ansehnlichen, disziplinierten, aggressiven Tempofußball hinausgehoben haben. Nur wer sich in der Wolfsburger Arena hinter das Gästetor ganz nah an den Spielfeldrand setzt, kann die Wucht körperlich spüren, mit der das Stürmerduo Edin Dzeko (22 Tore) und Grafite (24 Tore) agieren. Es bläst gestandene Defensiven genauso weg wie Zweifel am moralischen Hintergrund eines möglichen Wolfsburger Titels.

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