Von Dirk Brichzi
Die Dramaturgie des Abends hätte nicht besser sein können. Weil das Uefa-Pokal-Finale zwischen Bremen und Donezk in die Verlängerung ging, blieb den Fußballfans unter den Stern-TV-Guckern die Abspecktortur von Reiner Calmund erspart - und sie sahen beim Zappen auf RTL nur den Mann, auf den sie gewartet hatten: Jürgen Klinsmann.
Klinsmann (als FC-Bayern-Trainer im April): Raus aus der Versenkung
Innerhalb von nicht mal einer Saison war er vom Erneuerer zum Buhmann des FC Bayern mutiert und wurde deswegen vor drei Wochen geschasst. Seitdem hatte er kein einziges Wort gesagt. Nun tauchte er aus der Versenkung auf und stellte sich den Fragen von Moderator Günther Jauch.
Die Erwartungen waren hoch. Am vergangenen Samstag hatte Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein im "Aktuellen Sportstudio" Teil eins der Aufbereitung der Klinsmann-Zeit beim FC Bayern dank vieler Säuseleien und wenigen Fragen in Richtung Manager Uli Hoeneß zwar in den Sand gesetzt - ihm aber immerhin das Zitat abringen können: "Wir haben mit Klinsmann ausgemacht, keine schmutzige Wäsche zu waschen."
Das musste doch eigentlich heißen: Es gibt etwas zu waschen.
Würde Klinsmann nun zur Generalabrechnung schreiten? Hoeneß, Rummenigge, Beckenbauer, die von ihm so ungeliebte "Bild"-Zeitung, den FC Bayern und den deutschen Fußball an sich an den Pranger stellen?
Nichts von all dem geschah. Dabei erzählte Klinsmann viele interessante Dinge. Jedoch nicht mit der Wut und dem Unverständnis des gerade gefeuerten Trainers, sondern mit der Gelassenheit einer der Buddha-Statuen, die ein Architekt auf dem Münchner Trainingsgelände aufstellte und schon nach wenigen Wochen wieder entfernen musste.
Zehn Jahre kalifornische Sonne und Lebensart haben Spuren hinterlassen. Die Entspanntheit ist ihm kaum auszutreiben. Es tue auch drei Wochen nach der Entlassung "noch ein bisschen weh", aber das liege vor allem daran, dass er damit gerechnet habe, dass erst nach Saisonende die Abrechnung mit der Vereinsführung auf dem Plan stehe. "Aber die wollten diese schon fünf Spieltage vorher machen."
"Die", das sind Hoeneß und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, die ihn nach München holten. "Alphatiere" nennt Klinsmann sie, "mit denen man sich zu reiben hat."
Schmutzige Wäsche muss Klinsmann gar nicht waschen, er erzählt einfach von seinen eigenen Fehlern. Er habe zu viele Kompromisse gemacht, hätte vor der Saison auf drei oder vier weiteren Verstärkungen bestehen sollen. Dann sagt er so schön: "Ich habe zudem mein Okay gegeben zu einer Nummer eins, die man entwickeln wollte." Und spricht damit den von Hoeneß protegierten Torwart Michael Rensing an, von dem er wohl nie überzeugt war und den er noch vor seiner eigenen Absetzung durch Oldie Jörg Butt ersetzte.
Die wichtigste Vorgabe der Bayern-Macher war laut Klinsmann, einen neuen Angriffsfußball zu entwickeln, der die Fans zufriedenstellt. Keiner konnte sagen, wie lange sowas dauert. "Vielleicht war es naiv von mir zu denken, ich hätte zwei Jahre Zeit dafür." Der Verein sei sehr von Resultaten bestimmt und wolle in der Champions League mit den Großen wie Barcelona oder Manchester United mithalten. "Das war der große Traum. Dass es dann eine Gratwanderung werden würde mit der Bundesliga, das war klar. Dennoch hätte ich die Mannschaft zur Meisterschaft führen können", sagt Klinsmann.
Im letzten Gespräch vor seiner Entlassung mit Rummenigge und Hoeneß habe er noch darauf hingewiesen, "dass wir in zwei Wochen wieder punktgleich mit Wolfsburg sind. Und so ist es auch gekommen".
Nach seinem Rausschmiss hätten sich viele Spieler bei ihm gemeldet und sich schockiert gezeigt, weil sie auch noch an den Titel mit ihm als Trainer geglaubt hätten. "Das hat gut getan, aber letztlich auch nicht geholfen", sagt Klinsmann.
Die Medien hatten sogar schon vor ihm von seiner Entlassung erfahren, ein Vorgang, der Klinsmann nach eigener Aussage nicht verwundert hat. Seine mediale Unabhängigkeit werde ihm geneidet, und das werde ihm auch ganz klar kommuniziert, sagt er. Er habe seine einzige Chance darin gesehen, seine Sache durchzuziehen und Deutscher Meister zu werden.
Soweit kam es dann letztlich nicht.
Dafür konnte er die Klage gegen die "taz" wegen einer satirischen Fotomontage mit ihm als Jesus am Kreuz leicht erklären: "Was sage ich da meinen Kindern, wenn die in der Schule darauf angesprochen werden? Die verstehen das doch nicht."
So wäre es leicht für Klinsmann gewesen, wieder all diesem Trubel zu entfliehen und in seine ehemalige kalifornische Wahlheimat in Huntington Beach zurückzukehren. Doch wie paradox es auch klingen mag: Der Mann, über den ganz Fußball-Deutschland in den Jahren vor der WM 2006 meckerte, weil er als Teamchef der Nationalmannschaft nach Länderspielen meistens zügig wieder ins nächste Flugzeug in die USA stieg, sieht seine Zukunft nach seiner Entlassung in München. "Ich habe viel gelernt, und wir fühlen uns hier unglaublich wohl", sagt er. "Unsere Kinder sollen deutsche Wurzeln schlagen."
Um seine Zukunft als Trainer macht er sich keine Sorgen. "Irgendwann kommt wieder mal eine Aufgabe." Vielleicht ein Glück für ihn, dass die nicht beim FC Bayern sein wird.
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