Hamburg - Gibt es zwei Bruno Labbadias?
Stand nicht Bruno Labbadia vor einer Woche noch vor dem Rauswurf in Leverkusen? Wurde nicht spekuliert, dass Bayer den Trainer unmittelbar nach dem verpassten Pokalsieg schassen könnte? Hatte ihm Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser wenige Tage vor dem Pokalfinale nicht plötzlich den Treueschwur verweigert?
Die Zukunft von Labbadia war ungewiss - nur eines war klar: sie wird nicht bei Bayer Leverkusen liegen. Es gab kein Medium, das nicht darüber spekulierte, dass der ehemalige Stürmer unmittelbar nach dem Pokalfinale in Berlin (0:1 gegen Bremen) gehen muss. Und wenn nicht schon sonntags, dann eben ein paar Tage später.
Eine Woche danach musste der Hamburger SV plötzlich hart kämpfen, um seinen Trainer-Wunschkandidaten an die Elbe lotsen zu können. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE werden die Hanseaten eine Ablösesumme im höheren sechsstelligen Bereich für den Nachfolger von Martin Jol überweisen und ihn mit einem langfristigen Vertrag ausstatten. Labbadia beginnt am 1. Juli seine Arbeit in Hamburg, der Stadt, in der seine Tochter studiert und der ehemalige Stürmer 1987 bis 1988 selbst gespielt hat. Eine Woche ändert viel im Fußball, in Labbadias Fall hat sie offenbar die ganze, bisher eher gemütlich-heile Welt des Fußball-Clubs Bayer 04 Leverkusen durcheinander gebracht. Wie SPIEGEL ONLINE aus Leverkusen erfuhr, setzte sich vor allem der aufgeschreckte Gesellschafterausschuss des Bundesligisten stark für den Trainer ein, wollte ihn gar mit erheblich weiterreichenden Kompetenzen ausstatten als bisher. Sogar Bayer-Vorstandschef Werner Wenning schaltete sich in die Diskussion ein und warb um den Verbleib des Trainers.
Ein Hauptgrund für die rege Betriebsamkeit soll ausgerechnet vor allem das sehr offene Interview gewesen sein, das der Trainer der "Süddeutschen Zeitung" kurz vor dem Pokalfinale gegen Werder Bremen gegeben hatte. Im Nachhinein ein perfekter Schachzug des 43-Jährigen, der sich entschied, in die Offensive zu gehen und die Strukturen in Leverkusen in Frage zu stellen, ehe es zu spät sein könnte.
Labbadias Position war schon Anfang der Woche plötzlich derart gestärkt, dass ein Rauswurf des Trainers immer unwahrscheinlicher wurde. Es ging nur noch um die Frage, ob der Coach - entsprechend gestärkt - bleibt oder von sich aus geht.
Dass sich Labbadia für letzteres entschied, hat seine Gründe unter anderem auch im Verhalten einiger Spieler nach dem verlorenen Endspiel. Kapitän Simon Rolfes, Stürmer Patrick Helmes und der ehemalige Nationalspieler Bernd Schneider äußerten wegen des Zeitpunkts des Interviews und der späten Auswechslungen im Pokalfinale öffentlich Kritik am Übungsleiter - wie das Profis gern tun, wenn sie den Trainer in einer schwachen Position glauben.
Sie irrten. Aber das Verhältnis zwischen Labbadia und Teilen der Mannschaft war nachhaltig gestört. Ein Trainer kann noch so stark sein, gegen das eigene Team ist er letztlich machtlos. Das war Labbadia ebenso bewusst wie die Tatsache, dass auch mit Manager Michael Reschke keine Zusammenarbeit mehr möglich war. Wie aus Kreisen von Bayer zu hören ist, wurden Reschkes Kompetenzen sogar beschnitten, um Labbadia entgegenzukommen - aber auch das änderte an der Entscheidung des Trainers nichts mehr.
In Leverkusen können sie nun zeigen, wie ernst es ihnen mit der Bereitschaft war, die Strukturen zu verändern. Nur eben mit einem neuen Trainer.
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