Aus Johannesburg berichtet Ronny Blaschke
Das Versprechen ist viereckig, bunt und nicht zu übersehen. Auf einem riesigen Plakat zwischen den Hochhäusern von Hillbrow, im Herzen Johannesburgs gelegen, blicken feiernde Fußballfans auf die Stadt hinunter. Sie lachen, klatschen, liegen sich in den Armen, schwenken Fahnen in den Farben Südafrikas. Diese Szene von Einigkeit und Zuversicht möchte das Land in die Welt transportieren, wenn am Sonntag der Gastgeber gegen den Irak (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) den Confederations Cup eröffnet, die Generalprobe für die Weltmeisterschaft 2010.
Vermutlich kann niemand Bilder wie diese in Worte fassen wie Danny Jordaan, der Chef des WM-Organisationskomitees. Mit fester Stimme sagt er: "Wir schaffen eine neue Gesellschaft, eine neue Nation." Es ist nicht das erste Mal, dass ein Sportereignis als Startrampe für die Zukunft gedeutet wird. Die Südafrikaner gehen einen Schritt weiter. Zunächst der Confederations Cup, vor allem aber die WM sollen unter Beweis stellen, dass die Nation am Kap sich nicht niederringen lässt von Kriminalität, Armut, Rassismus und Aids. Doch nicht nur Südafrika, der ganze Kontinent habe mehr zu bieten, als Europäer oder Amerikaner glauben, sagt Jordaan: "Wir wollen in der Weltwirtschaft eine Rolle spielen." Die Investoren, die viele Milliarden investieren, sollen auch nach der WM bleiben. Statt acht sollen bald zehn Millionen Touristen jährlich nach Südafrika pilgern.
Eine Weltmeisterschaft. Ein Fußballturnier. Ein Versprechen auf bessere Zeiten.
Danny Jordaan wird nicht müde, seine Botschaften zu wiederholen, auf Pressekonferenzen, auf Empfängen, in Gesprächsrunden. Doch die Wirklichkeit ist weniger bunt und optimistisch: Wer sich mit dem Auto beharrlich durch Johannesburg arbeitet, die zehrenden Staus hinter sich lässt, der passiert nicht nur Villen, die umgeben sind von mannshohen Elektrozäunen. Wohlstand und Elend trennt oft nur ein Straßenzug. Unter dem riesigen Plakat in Hillbrow, das die Vorfreude der Südafrikaner dokumentiert, leben Tausende in Armut, die Straßen werden von Müllhaufen und Baracken mit eingeschmissenen Fensterscheiben gesäumt. Gesetze bedeuten in Townships wie Soweto oder Alexandra nicht viel. 50 Morde, 150 Vergewaltigungen, 535 Raubüberfälle: die Schreckensbilanz eines Tages in Südafrika.
Der Ellis Park, das Stadion, in dem der Confederations Cup eingeleitet wird, liegt wenige hundert Meter von Hillbrow entfernt. Das Gedröhn von Presslufthämmern hallt durch die Straßenschluchten, Arbeiter springen in Baugruben, Rauchschwaden klettern die Wände empor. Es ist längst nicht alles fertig, was fertig sein soll. Leitungen werden verlegt, Geländer montiert, Mauern hochgezogen. Die Mitarbeiter sind überfordert, doch sie strahlen Gelassenheit aus. Hier sollen bald Tausende Fans aus dem Ausland in die Nacht entlassen werden, obwohl nicht mal Taxifahrer Hillbrow nach der Dämmerung aufsuchen.
An dieser Stelle birgt das große Versprechen auf bessere Zeiten Gefahren. Die Organisatoren halten den Zweiflern imposante Zahlen entgegen: 40.000 Polizisten, 60.000 Überwachungskameras und eine neue Hubschrauberstaffel sollen die erwarteten 450.000 internationalen Gäste im kommenden Jahr durch die WM begleiten. In diesen Tagen reisen lediglich 5000 Fans aus dem Ausland an, um die sieben Gästeteams zu unterstützen. Brasilien, Italien, Spanien, USA, Ägypten, Irak, Neuseeland - womit der Confederations Cup einem zaghaften Warmlaufen gleicht.
Bis zum 11. Juni 2010, dem Tag des WM-Eröffnungsspiels, wird die Sicherheit das beherrschende Thema bleiben. Dass die Kosten am Ende weit höher sind als kalkuliert, scheint die Organisatoren mittlerweile nicht mehr zu stören. Viele Milliarden steckt das Land in die Modernisierung von Flughäfen, Straßen, Tunnel oder Zugstrecken, wie viele genau, kann niemand beziffern. "Das ist ein Segen für die südafrikanische Wirtschaft", sagt Danny Jordaan.
Nicht alle Errungenschaften sind zu begutachten: Die Schnellbahn, die den Flughafen in Johannesburg mit dem noblen Viertel Sandton verbinden soll, ist noch nicht fertig. Das neue Bussystem muss sich gegen die gewaltbereite Taxibranche wehren, die um ihren Profit fürchtet. Funktionierende Nahverkehrssysteme gibt es nirgendwo im Land. Die Autobahnen, die zusammen nicht mehr als 2000 Kilometer lang sind, werden ebenfalls kaum helfen. Ein Jahr bleibt noch, und zum ersten Mal seit 17 Jahren steckt die Wirtschaft in einer Rezession. Nun liegen die Hoffnungen auf der WM, einem Versprechen für den größten Reibach in der Geschichte des Landes. Ob von dem Geld etwas bei den Familien in Hillbrow landet, ist eine andere Geschichte.
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