ThemaGewalt im FußballRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
16.07.2009
 

Polizei-Prügel für Fußball-Fans

Von Amnesty bis Zahnverlust

Von Mike Glindmeier

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Warum eine Tagung der Polizeigewerkschaft zum Thema Fußball und Gewalt ohne Fanvertreter stattfand und ein Berliner Einsatzleiter die Nerven verlor.

Die Frankfurter Fans, die in Bremen über Stunden präventiv von der Polizei festgehalten wurden, klagten über "miserable Bedingungen". Nach der Entlassung aus den Bremer Gefängnissen "wurden wir ans Stadion gebracht und später von einem Polizeiaufgebot von grob geschätzten 40 Kastenwagen bis nach Frankfurt begleitet", heißt es in einer Erklärung der Eintracht-Ultras: "Nachdem es schon im polizeilichen Gewahrsam (also ab 10 Uhr morgens) keinerlei Möglichkeiten gab, an Nahrungsmittel zu gelangen, wurde auch jede Ausfahrt zu einer Raststätte von der Polizei abgesperrt", heißt es in der Mitteilung weiter.

Für Rechtsanwalt Stefan Minden ist das Vorgehen der Behörden juristisch nicht zu rechtfertigen. Er hat die Vertretung der 234 Eintracht-Anhänger übernommen. Die Tatsache, dass die Bremer Polizei mittlerweile Zeugen-Fragebögen an seine Mandanten geschickt hat, wertet er als gutes Zeichen: "Natürlich ist es bei dieser großen Anzahl von Betroffenen nicht einfach, so eine Sache unter den Tisch fallen zu lassen."

Minden, der sich seit Jahren für die Belange von Fußballfans einsetzt, sieht einen deutlichen Trend in Sachen Fanwiderstand. "Da spielt sicherlich der hohe Organisierungsgrad der Anhänger eine Rolle", sagt Minden SPIEGEL ONLINE. Dadurch würden sich mehr Leute trauen, sich über die Polizeimaßnahmen zu beschweren oder gar Anzeigen zu erstatten, so Minden. "Hinzu kommt, dass auf Plattformen wie YouTube entsprechende Videoaufnahmen eingestellt werden können, die wiederum zu einer clubübergreifenden Solidarität zwischen Fans in ganz Deutschland führt.

Während sich die Fans solidarisieren, schlägt die Gewerkschaft der Polizei Alarm. Ausschreitungen bei Fußballspielen hätten drastisch zugenommen. Sie lägen "rund 30 Prozent über dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre", heißt es in dem Abschlussbericht der Tagung "Fußball und Gewalt", die am 19. Mai in Berlin stattfand. Pro Saison werden im Rahmen von Fußballspielen rund 3000 Straftaten verfolgt. Damit entfällt bei rund 17,6 Millionen Besuchern der beiden Profiligen im Schnitt eine Straftat auf jeden 5866. Besucher. Zum Vergleich: Beim Oktoberfest 2008 entfiel eine Straftat auf jeden 4024. Besucher - und das binnen 16 Tagen.

Gewaltorientierte Hooligans sogar bei Spielen der Amateurligen seien alltäglich geworden, heißt es weiter in dem Bericht. Umso erstaunlicher ist, dass kein Vertreter aus dem direkten Fußballbereich auf der Tagung zu finden war. Mehrere Gastredner drücken in dem Abschlussbericht ihr Bedauern über die Absage von DFB-Präsident Theo Zwanziger aus.

"Es sieht so aus, als wolle der DFB mit der negativen Seite des Fußballs nichts zu tun haben. Eine Lösung des Gewaltproblems im Fußballgeschehen lässt sich aber nur erzielen, wenn alle Beteiligten sich einbringen", wird Gerd Landsberg im GdP-Abschlussbericht zitiert. "Es kann nicht sein, dass der Fußball-Bund mit dem Spiel viel Geld verdient und dann zu so einer bedeutsamen Veranstaltung nicht kommt", so der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds.

Beim DFB gibt es eine andere Version. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, hatte der Verband nach Zwanzigers Absage angeboten, den Sicherheitsbeauftragten Helmut Spahn nach Berlin zu entsenden. Dies soll ein Vertreter der GdP allerdings mit der Begründung abgelehnt haben, man könne zu so einem Gipfel keinen einladen, der die Polizei so massiv kritisiert. Spahn hatte kurz zuvor Forderungen und Prophezeiungen des GdP-Vorsitzenden Konrad Freiberg auf der Web-Seite des DFB als "völlig unseriös" bezeichnet.

Konrad Freiberg dementiert diese Version. "Wir können mit Kritik gut leben", sagte der GdP-Vorsitzende auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Wir wollten einen politisch Verantwortlichen DFB-Vertreter, da wir eine gesellschaftspolitische Debatte über Fußball und Gewalt führen wollten", so Freiberg weiter. Dabei sei es nicht in erster Linie um Sicherheitsfragen gegangen.

Wenn zwei sich streiten, sagt der Dritte ab. In diesem Fall war der Dritte Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte (Kos), die die Fanprojekte in Deutschland berät und begleitet. "Der Titel der Veranstaltung lautete 'Fußball und Gewalt', am Ende war aber kein Vertreter des Fußballs da", so Gabriels Begründung für seine Absage der Podiumsdiskussion. Zudem sei die Polizeigewerkschaft in den Wochen zuvor laut Gabriel "nicht gerade mit besonnenen Äußerungen aufgefallen." Als Beispiel nannte Gabriel Freibergs Forderung, Problemspiele im Härtefall vor leeren Rängen stattfinden zu lassen.

Gabriels Lösungsansatz geht in eine andere Richtung: "In der jüngsten Vergangenheit haben sich Deeskalationsmaßnahmen bewährt", sagt Gabriel und verweist auf die Polizei in Hannover. Dort stünden sogenannte Konfliktmanager den Gästefans ab der Ankunft in der niedersächsischen Stadt zur Verfügung. Der Leiter des zuständigen Polizeikommissariats spricht im Interview mit der Kos von einem Erfolg, Fans in Prozesse miteinzubeziehen. "Vorbildlich", findet Gabriel diese Modell.

Weniger vorbildlich verhielt sich ein Hundertschaftsführer der Berliner Polizei. Beim Derby zwischen TeBe Berlin und dem BFC Dynamo soll der Polizist im Dezember 2008 zwei Anhängern der Gästefans mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Dies hielten Umstehende auf Video fest. Zwischenzeitlich schaltete sich sogar die Menschenrechtsorganisation Amnesty International ein. "Gegen den Beamten läuft ein Strafverfahren wegen Körperverletzung im Amt", bestätigte ein Sprecher der Berliner Polizei eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Für die Dauer des Verfahrens sei der Hundertschaftsführer versetzt worden.

Während sich viele Fans in Foren über die zunehmende Härte der Polizei beschweren, wiegelt Freiberg ab. Zwar haben die Zahl der Einsätze und die gewaltbereitschaft zugenommen, "das Verhalten der Polizei hat sich nicht geändert", so Freiberg. "Höchstens die Präsenz", sagt Freiberg. Schließlich wolle die Polizei Gewalt im Keim ersticken. Dass ihr das nicht immer gelingt, zeigen die Bilder aus Düsseldorf, Hamburg und Berlin.

Mitarbeit Rudolf Noack

  • 1. Teil: Von Amnesty bis Zahnverlust
  • 2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Warum eine Tagung der Polizeigewerkschaft zum Thema Fußball und Gewalt ohne Fanvertreter stattfand und ein Berliner Einsatzleiter die Nerven verlor.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 119 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
26.09.2009 von exilant2: Beitrag

Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum Spiegel Online mich hier zensiert ohne Angabe von Gründen(jetzt der 3. Versuch). Es handelt sich um Beitrag 11622 in obigem Link. Es geht darum, das es einen Tag vor besagter Demo ein [...] mehr...

25.09.2009 von Christian W.:

Das perverse ist ja, dass diejenigen Fussballfans, die sowas öfters mal auswärts miterleben "dürfen" sich fast schon gefreut haben müssen, dass es auf einer harmlosen Demo einen noch harmloseren Passanten erwischt hat. [...] mehr...

25.09.2009 von exilant2:

... und hier der Rest des Textes: Himmelblaue Fans völlig grundlos traktiert Chemnitz - Gewaltexzesse in, vor allem aber außerhalb von deutschen Stadien, sind heutzutage leider keine Seltenheit. In der Regel gelten [...] mehr...

25.09.2009 von exilant2: Berliner Polizei gegen CFC Teil 1

Leider ist ja der Blog-Thread zum Thema Berliner Demo gegen Überwachungswahn schon geschlossen. Einen Tag vorher gab es das Spiel Hertha BSC II gegen Chemnitzer FC: Nachspiel zum Hertha-Spiel: Anzeigen gegen Berliner Polizei [...] mehr...

24.08.2009 von exilant2: Bayern II - Dynamo Dresden, 16.08.09

Pressemitteilung der Eltern des verletzten Kindes: " Mitteilung für Presse zur Sprühattacke" Da der Vorfall mit dem „versehentlichen“ Pfefferspray-Einsatz gegen unseren neunjährigen Sohn unterschiedlich in den Medien [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles aus der Rubrik Fußball
alles zum Thema Gewalt im Fußball

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP