SPIEGEL ONLINE: Herr Heynckes, über kaum einen Club gehen die Expertenmeinungen so auseinander wie über Bayer Leverkusen. Einige sehen das Team unter den besten fünf, andere erwarten Mittelmaß. Wer hat recht?
Heynckes: Die Skepsis ist verständlich, schließlich haben wir in den vergangenen beiden Jahren nur Platz sieben und neun belegt. Wir haben dennoch das Ziel ausgegeben, uns für einen internationalen Wettbewerb zu qualifizieren. SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie die vergangene Saison, in der die Mannschaft stark begann und am Ende ziemlich hilflos wirkte?
Heynckes: Die Mannschaft hat zunächst frischer gespielt als in den Jahren zuvor, dann war ein klarer Leistungsabfall zu sehen. Sie hat sehr emotional agiert und sich manchmal so an ihrem Spiel erfreut, dass sie die Defensivarbeit vernachlässigt hat. Wir müssen jetzt viel im taktischen Bereich arbeiten, an der Spielorganisation.
SPIEGEL ONLINE: Fast schon traditionell versagt Bayer in entscheidenden Saisonphasen. So auch in der Rückrunde und im Pokalfinale. Woran liegt das?
Heynckes: Es geht darum, Niederlagen nicht zu akzeptieren. Das hat uns in Gladbach damals Hennes Weisweiler vermittelt, und wir haben es an die jungen Spieler weitergegeben. Hier fehlte das Nicht-Verlieren-Können, das Sieger-Gen.
SPIEGEL ONLINE: Bayer ohne Biss?
Heynckes: Genau das. Es geht um die Einstellung, die Oliver Kahn 2001 im Spiel gegen den HSV gezeigt hat. Er hat sich gegen die Niederlage im Meisterrennen gestemmt, und am Schluss war Schalke Zweiter. Meine Mannschaft soll lernen, außerhalb des Platzes Dinge zu regeln, die sonst immer zum Trainer hochkamen. Sie muss selbständiger werden.
SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?
Heynckes: Ob es nun Strafen sind wegen Zuspätkommens oder wegen des Verpassens eines Termins beim Physiotherapeuten, wegen des Tragens eines falschen T-Shirts oder ähnlicher Dinge. Damit möchte ich mich gar nicht befassen müssen. Und ich muss sagen: Es funktioniert inzwischen schon sehr gut. Die Spieler regeln das. Man entwickelt dann auch einen anderen Umgang mit Negativerlebnissen auf dem Feld.
SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Bayer Leverkusen sei zu brav, um Titel zu gewinnen. Stimmt das?
Heynckes: So etwas steckt in einer Mannschaft drin. Hier waren die Leistungsträger vielleicht zu jung, zu introvertiert, zu anständig. Auf dem Rasen braucht man aber auch echte Sauhunde - die möchte ich in der Mannschaft sehen. Und das werde ich forcieren - neben der Arbeit auf dem Trainingsplatz, die ist natürlich das Wichtigste.
SPIEGEL ONLINE: Seit ein paar Jahren wurde viel über Innovationen im Fußball gesprochen. Junge Trainer drängten nach und predigten flache Hierarchien. Haben Sie es als verletzend empfunden, dass plötzlich fast ausschließlich Klinsmann, Klopp und Co. gefeiert wurden?
Als Trainer führte Heynckes die Bayern 1989 und 1990 zur Meisterschaft, mit Real Madrid holte er 1998 die Champions League. Derzeit ist der gebürtige Gladbacher in Leverkusen tätig, nachdem er vergangene Saison als Klinsmann-Nachfolger für fünf Spiele Bayern München trainierte. Heynckes ist mit 64 Jahren der älteste Chefcoach im deutschen Profifußball.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt 30-Jährige, die behaupten, sie verstünden die Jugend von heute nicht mehr. Wie gelingt Ihnen das mit 64 Jahren?
Heynckes: Ich kann das Schimpfen auf die Jugend nicht nachvollziehen und teile vielleicht sogar das eine oder andere Interesse - den Musikgeschmack allerdings nicht unbedingt. Bei mir wissen die Spieler dafür, dass ich schon mit vielen Mannschaften gearbeitet habe, der Respekt ist da. Ganz wichtig ist aber, dass man auch die Spieler respektiert. Man darf Spieler nicht vor der Mannschaft bloßstellen, das macht man nicht.
SPIEGEL ONLINE: Sie wurden mit dem Satz zitiert, die jungen Trainer seien hervorragende Selbstdarsteller. War das nicht etwas pauschal?
Heynckes: Da wurde ein Satz aus einem langen Interview herausgegriffen. Ich habe gesagt, dass viele junge Kollegen sich gut darstellen können - das ist aber nicht negativ gemeint. Zumindest nicht bei den Kollegen, bei denen sich diese Fähigkeit mit Sachverstand verbindet.
SPIEGEL ONLINE: Jürgen Klinsmann hatte vor zwei, drei Jahren Heiligenstatus, heute tun manche so, als wisse er nicht, wie ein Ball aussieht.
Heynckes: Ja, und das ist ungerecht. Das Urteil war vor drei Jahren nicht richtig und heute ist es ungerecht. Er hat bei Bayern auch gute Ideen eingebracht und war wohl ungeheuer engagiert. Die Kommentare über ihn folgen auch nur den angesprochenen Trends und Moden.
SPIEGEL ONLINE: Ist Ihr Freund Uli Hoeneß moderesistent?
Heynckes: Wie meinen Sie das? So schlecht ist er auch wieder nicht angezogen (lacht). Seine Einstellung? Er hat eine klare Philosophie, lässt sich aber gerne überzeugen. Ich wundere mich eigentlich, wenn es jetzt heißt, Louis van Gaal darf sich endlich die Spieler kaufen, die er will. Das darf jeder Trainer, der unter Hoeneß arbeitet. Uli hat sich noch nie in dessen Belange eingemischt. Und vor allem: Er hat immer zum Trainer gehalten. So lange wie möglich.
SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie ihm van Gaal empfohlen haben?
SPIEGEL ONLINE: ... und in Deutschland?
Heynckes: In Deutschland ist es eben nicht immer so wie bei Jürgen Klopp, der viele Jahre lang in Mainz den Beruf erlernt hat und da Fehler machen durfte - wie ich damals in Mönchengladbach.
SPIEGEL ONLINE: Sie klingen heute nicht so, als könnten Sie dauerhaft zu Hause in Mönchengladbach den Ruhestand genießen. Was hätte Ihnen gefehlt, wenn Bayern Ende April nicht angerufen hätte?
Heynckes: Ich weiß nur, dass ich in den fünf Wochen bei Bayern gemerkt habe, dass es mit den jungen Menschen noch funktioniert. Und hier in Leverkusen passt das: Bayer ist eine Mannschaft, die immer nach vorne gespielt hat, das ist auch meine Vorstellung von Fußball.
Die Fragen stellte Christoph Ruf
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