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Mythos Trainingslager "Wer unfit ist, muss leiden"

Intervallsprints, Liegestütze und 800 Autogramme am Tag: Im Fußball-Magazin "11 FREUNDE" erinnert sich der ehemalige Bundesliga-Profi Valérien Ismaël an die Härten der Saisonvorbereitung - und an böse Blicke für überschüssige Pfunde.

Ein Profi ist das ganze Jahr diszipliniert, geht früh ins Bett und ernährt sich gesund. Deswegen gab es für mich nach Saisonende nur eins: Rein in den Flieger, so weit weg wie möglich und zehn Tage bloß nicht wie ein Fußballer leben. Meine Freundin und ich sind nach Bali gereist, nach Thailand, Mauritius, um schnell den Kopf frei zu kriegen. Denn man braucht immer ein paar Tage, bis man den Druck des Ligaendspurts abgeschüttelt hat. Die ersten zehn Tage habe ich dann so gelebt, wie ich wollte: Wenn ich eine Pizza wollte, aß ich eine, verspürte ich Lust auf einen Averna, trank ich einen, und wenn wir uns nach dem Abendessen verquatschten, lag ich auch mal erst um drei Uhr im Bett.

Ex-Profi Ismaël (2007 bei Hannover 96): Keine Pizza - kaum AvernaZur Großansicht
AFP

Ex-Profi Ismaël (2007 bei Hannover 96): Keine Pizza - kaum Averna

Die große Freiheit währt nur kurz: Ein Spieler hat zwar fünf Wochen frei, aber er kann es sich nicht leisten, so lange auf der faulen Haut zu liegen. Nach zehn Tagen beginnt man also mit Laufeinheiten. Nichts Extremes, nur die Grundanforderungen zur Fitness. Jeder Spieler bekommt vom Trainerteam einen individuell auf ihn abgestimmten Plan mit in den Urlaub. Und es gibt beileibe Schlimmeres, als morgens um sieben Uhr in der Sonne am Strand eine dreiviertel Stunde zu joggen. Am Nachmittag dreht man dann noch eine Runde auf dem Fahrrad, abends eine Stunde im Kraftraum, ganz locker, damit sich der Körper langsam wieder an die Belastung gewöhnt.

Kontakt zum Fußballgeschäft habe ich derweil nur übers Internet gehalten. Ich weiß noch, wie ich 2006 in Sardinien las, dass die Bayern Daniel van Buyten verpflichtet hatten. Da war dieser Tumor auf meinem linken Schienbein und ich war deshalb extra nicht so weit weg gereist.

Bei Bayern muss ein Spieler immer damit rechnen, dass ein Neuer kommt, aber von diesem Transfer hatte ich nichts geahnt. Oh, dachte ich, ein neuer Konkurrent. Und gleich war da wieder dieser Druck. Ich konnte es gar nicht erwarten, in die Vorbereitung einzusteigen, dabei war die Saison erst ein paar Tage vorbei. Also keine Pizza gegessen - und kaum Avernas.

Nach zwei Wochen irgendwo fernab von Europa war ich meist wieder zurück. Mir blieben dann noch drei Wochen, um meine Freunde und Verwandten zu besuchen. Ich reiste zwei Tage nach Straßburg, fuhr einige Zeit nach Bremen, driftete von einem Ort zum nächsten. Es ist die einzige Zeit im Jahr, in der ein Spieler mit Körper und Geist voll und ganz bei denen sein kann, die ihm etwas bedeuten. Der Rest des Jahres ist so durchorganisiert, dass einem kaum Zeit zum Luftholen bleibt. Aber sobald man wieder unter Menschen ist, spricht man über Fußball - und das Fieber steigt.

Der Trainingsauftakt - Friseur als wichtigster Termin

Nach fünf Wochen hat der Spaß ein Ende. Die Brasilianer im Team kommen immer auf den letzten Drücker zurück, also trifft sich die Mannschaft erstmals beim offiziellen Trainingsauftakt. Natürlich ist diese erste Einheit vor allem für die Galerie, aber in München wurden an diesem Tag in der Kabine auch gleich die Ziele formuliert: In kurzen Ansprachen machten Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Felix Magath den Spielern deutlich, was von ihnen erwartet wird. In freundlichem Ton hieß es da: "Meisterschaft, Pokal, Champions League ...! Und jetzt geht raus und spielt Fußball."

In der ersten Woche geht es in erster Linie um Außenwirkung. Der wichtigste Termin vor dem Start in die Vorbereitung ist deshalb der beim Friseur. Schließlich wird ein Profi an den ersten Tagen pausenlos fotografiert und die Halbwertszeit dieser Bilder ist mindestens eine Saison. Es werden Fotos für Autogrammkarten gemacht, für die Sammelalben, für den Ausrüster. Einen Vormittag lang steht der gesamte Kader in einer Reihe auf dem Trainingsplatz und jeder Spieler wird nach und nach für Sportzeitschriften, für die Beilagen in den Tageszeitungen und für die Sponsoren abgelichtet. Wer dann keine schöne Frisur hat, hat Pech gehabt.

Zur Person
DPA
Valérien Ismaël wurde am 28. September 1975 in Straßburg geboren. Der Verteidiger spielte unter anderem für die Bundesligisten Bayern München, Werder Bremen und Hannover 96. Wegen chronischer Knieschmerzen musste der zweimalige Deutsche Meister dieses Jahr seine aktive Laufbahn beenden.
Jeden Tag laufen wir Spieler bei irgendwelchen Sponsorenterminen auf, schütteln Hände, lächeln in Kameras, präsentieren das neue Trikot, halten Uhren hoch, stoßen mit Biergläsern an oder posieren vor Autos. Allein am Tag der Saisoneröffnung schreibt ein Spieler rund 800 Autogramme. Und nebenbei wird täglich noch zweimal trainiert. Man hat Muskelkater, ist müde und reizüberflutet - und nach ein paar Tagen greifen bereits wieder die Automatismen des Geschäfts. Mitte der Woche wartet schon der erste Test gegen irgendeinen Bezirksligisten. Eigentlich sind es Freundschaftsspiele, aber diese Mannschaften sind gegen einen Bundesligaclub natürlich hochmotiviert. Und während der Profi Mühe hat, aufgrund all der Termine 90 Minuten durchzustehen, legen die euphorisierten Gegner eine enorme Laufbereitschaft an den Tag. Unterklassigen Teams fehlt es vielleicht an Technik, aber laufen können die. Und ein Profi muss da hinterher! Schafft er es nicht, gibt es gleich wieder Druck von den Medien.

Und freitags fährt das Team dann ins Trainingslager ...

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