SPIEGEL ONLINE: Nach dem Sieg in der ersten Runde des DFB-Pokals erzählten Sie, Jefferson Farfan habe sich beim Biertrinken am Abend vor dem Spiel, das bei all Ihren Mannschaften zu den Ritualen gehört, krankgemeldet. Einige Zeitungen interpretierten die Aussage als Affront gegen den Stürmer, ihr Verhältnis sei zerrüttet, Farfan werde wahrscheinlich verkauft, hieß es. Und jetzt ist er Schalkes bester Spieler.
Magath: Diese Sache hat mich völlig überrascht. Es war überhaupt keine Absicht, ihn in der Öffentlichkeit bloßzustellen. Wenn hier jeder kleine Nebensatz sofort genutzt wird, um jemanden an die Wand zu nageln, dann müsste ich mir künftig überlegen, was ich von mir gebe. Und das würde dazu führen, dass man nur noch das sagt, was sowieso jeder hören will.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Vorgänger haben genau diesen Weg gewählt und die offene Kontroverse mit dem schwierigen Umfeld auf Schalke gescheut. Verfolgen Sie bewusst eine andere Strategie?
Magath: Mir war schon klar, dass Schalke nach Bayern München der Verein mit der größten Bedeutung in Deutschland ist. Einige sich daraus ergebende Mechanismen erkennt man erst, wenn man selbst für den Club tätig ist. Da muss ich mich aber auch erst reinarbeiten, das geht nicht von heute auf morgen. Da bin ich gerade in einem Prozess.
SPIEGEL ONLINE: Farfan blüht nun auf, dabei war er doch bestimmt verärgert, oder?
Magath: Er hat sich über seinen Berater bei mir beschwert. Daraufhin habe ich mich vor versammelter Mannschaft mit ihm ausgesprochen und erklärt, dass es mir leidtut, dass eine Aussage von mir solche Auswirkungen hatte. Ich denke, das hat ihm gut getan.
SPIEGEL ONLINE: Sie klären solche Dinge oft vor dem gesamten Team. Auch von Ihren früheren Stationen ist zu hören, dass Sie nur selten mit Spielern unter vier Augen sprechen. Die Mehrheit der Trainer agiert da anders.
Magath: Ich finde, gerade im Fußball waren wir auf einem völlig verkehrten Weg. Wir haben den Spielern alles vorgeschrieben und abgenommen. Bei einem Eckball sagen die Trainer: "Geh du dahin und du dahin." Dadurch verlernt der Spieler, mitzudenken und die Dinge zu verantworten, die passieren. Ich finde, die Spieler müssen auch aus dem Bauch entscheiden. Das funktioniert, wenn sie sich nur mit einigen wenigen gut ausgewählten Informationen auseinandersetzen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Ist das ein zentraler Punkt ihres Erfolges?
Magath: Ja, ich glaube schon.
SPIEGEL ONLINE: Wussten Sie vor Ihrem ersten Arbeitstag auf Schalke darüber Bescheid, wie leer die Kassen hier wirklich sind? Oder hat Ihnen die finanzielle Situation erst einmal einen Schrecken eingejagt?
Magath: Erschrecken kann man mich nicht so leicht, aber ich war vorher sicher nicht über den genauen Stand informiert. Im Großen und Ganzen wusste ich allerdings schon, welche Herausforderungen mich hier erwarten. Ich glaube, ich habe die gleiche Mentalität wie Ernst Happel, er war Spieler durch und durch und ich sehe mich auch als Spieler. Als professionellen Spieler.
SPIEGEL ONLINE: Hat diese Neigung zum Zocken eine Rolle gespielt, als Sie den völlig unbekannten Christoph Moritz nach einer Woche im Training direkt in die Stammformation aufnahmen?
Magath: Ja, klar. Wobei ich mich dann doch ein bisschen von Ernst Happel unterscheide. Happel hat auch viel bei der Spielbank gespielt - und sicher eher gewonnen als verloren. Das ist für mich dann jedoch zu sehr Glücksspiel. Ich versuche ein Spiel zu durchschauen und die ungeschriebenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten einzubeziehen. Und dann passiert es auch mal, dass ich einen Christoph Moritz aufs Feld schicke.
Das Interview führte Daniel Theweleit
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