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22.08.2009
 

Fußball

Stasi-Schatten über Union Berlin

Von Christoph Biermann und Sven Röbel

Sponsor Czilinsky:  "Mehr als 25 Jahre her"Zur Großansicht
DPA

Sponsor Czilinsky: "Mehr als 25 Jahre her"

Wirbel um den Köpenicker Traditionsclub: Der neue Millionensponsor des Zweitligisten wird von der Vergangenheit eingeholt. Als Aufsichtsratschef des mysteriösen Werbepartners ISP fungiert nach SPIEGEL-Informationen ein ehemaliger Offizier des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit.

Der Geldsegen, der Ende Juni auf den Zweitliga-Aufsteiger Union Berlin niederprasselte, war so märchen- wie rätselhaft. Sensationelle zehn Millionen Euro, so verkündete Vereinspräsident Dirk Zingler stolz, wolle eine Firma namens International Sport Promotion (ISP) binnen fünf Jahren in den Ostberliner Traditionsclub investieren. Woher das Sponsoren-Geld stammt, wollte ISP-Aufsichtsratschef Jürgen Czilinsky jedoch nicht verraten. Hinter der in einem arabischen Emirat registrierten ISP stünden potente Geschäftsleute, die es vorzögen, anonym zu bleiben.

Auch bei Fragen zu seiner eigenen Vergangenheit blieb Czilinsky schmallippig. Er habe mal im "DDR-Außenhandel" gearbeitet, erklärte er knapp, sei ausgebildeter Fallschirmjäger und heute Spezialist für das Knüpfen von "Netzwerken".

Mit Netzwerken hatte Czilinsky bereits zu Ost-Zeiten zu tun, und zwar dienstlich. Nach SPIEGEL-Informationen war der heute 51-Jährige vor der Wende Führungsoffizier des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit, zuletzt im Rang eines Hauptmanns der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), zuständig für die Ausspähung militärischer Einrichtungen der Bundesrepublik. Nach seiner Ausbildung, die auch "militärisches Sprengen" umfasste, kümmerte sich Czilinsky laut Stasi-Unterlagen um mindestens 26 "operative Vorgänge": Ein konspiratives Objekt mit der Tarnbezeichnung "Neptun" etwa, geheime Kurierverbindungen oder potentielle Agenten-Anwärter. Für sein nachrichtendienstliches Wirken wurde er im Februar 1986 mit der "Verdienstmedaille der Grenztruppen der DDR" in Bronze ausgezeichnet.

Als Führungsoffizier betreute Czilinsky laut HVA-Akten seit Mitte der achtziger Jahre mehrere "Inoffizielle Mitarbeiter" (IM), darunter eine IM "Christine", die im hessischen Gießen für die Stasi spionierte. Die Verbindung mit Ost-Berlin hielt die Agentin damals laut Akte über "einseitigen Kurzwellenfunk" oder "Geheimschreibmittel", zudem verfügte sie über Codes zur Chiffrierung von Nachrichten.

Czilinsky pflegt weiterhin Kontakte zu illustren Kreisen

Czilinsky weilte am Freitag in der afrikanischen Republik Kongo. Auf SPIEGEL-Anfrage bestätigte er seine frühere Tätigkeit für die HVA. Zu Fragen, die sich auf seine operative Arbeit beziehen, wollte er jedoch "keine Angaben" machen, "weil es teilweise mehr als 25 Jahre her" sei und er "nicht mehr alle Zusammenhänge rekapitulieren" könne. Außerdem beschäftige er sich "mit diesen Fragen seit 1990 nicht mehr".

Auch heute pflegt Czilinsky noch Kontakte zu illustren Kreisen. In einer seiner Berliner Firmen fungiert laut Handelsregister ein ehemaliger HVA-Kollege als Co-Geschäftsführer. An dem Unternehmen war bis voriges Jahr auch der sächsische Bundestagsabgeordnete Joachim Günther (FDP) beteiligt. Der frühere Parlamentarische Staatssekretär im Bundesbauministerium, der heute im Sportausschuss des Bundestags sitzt, ist zudem Mitgesellschafter einer weiteren Czilinsky-Firma, der Iso-International Development & Consulting GmbH, die wiederum geschäftlich mit dem Unionssponsor ISP verbunden sein soll.

Czilinsky erklärt, den Politiker Günther, der vor der Wende Kreissekretär der Blockpartei LDPD war und heute Landesvize der sächsischen FDP ist, "seit circa 1998" zu kennen. Bisher habe er weder Veranlassung gehabt, "nach seinem Lebenslauf zu fragen, noch mit ihm über meinen zu reden". "Vertrauen", so Czylinsky, entstehe "nicht durch das, was man von sich behauptet, sondern durch das, was man macht".

"Lieber ein Verlierer sein als ein dummes Stasi-Schwein"

Union Berlin ist nach Darstellung des Ex-Offiziers nicht über seine Vergangenheit bei der HVA informiert gewesen. Die Anhänger des Köpenicker Traditionsvereins galten zu DDR-Zeiten als regimekritisch: Von den Rängen waren schon mal Sprechchöre wie "Lieber ein Verlierer sein als ein dummes Stasi-Schwein" zu hören und bei Freistößen schallte der gegnerischen Verteidigung mitunter die Parole "Die Mauer muss weg" entgegen. Erzfeind der "Eisernen" war DDR-Serienmeister BFC Dynamo Berlin, der erklärte Lieblingsverein von Staatssicherheitsminister Erich Mielke.

Daher dürften die Stasi-Schatten, die jetzt über dem Haupt- und Trikotsponsor ISP auftauchten, bei den Anhängern von Union für besonderes Interesse sorgen. Vor allem der bemerkenswert hoch dotierte Sponsoren-Vertrag mit ISP sorgte in der Fußball-Welt bereits für Aufsehen, zumal nie klar wurde, was ISP unternehmerisch eigentlich bezweckt. Mal sollte es Sportmarketing sein, dann wieder das Veranstalten von Konzerten in Afrika oder Transfergeschäfte mit Spielern aus Brasilien.

Gerüchte, dass über den Union-Deal womöglich Geld gewaschen werden sollte, hat Aufsichtsratschef Czilinsky kürzlich dementiert. Auf die Frage des SPIEGEL, ob Vermögenswerte der ISP oder ihrer Eigentümer aus Beständen der ehemaligen DDR-Regierung oder der Stasi stammen, erklärte er: "Es gibt für mich keine Hinweise, die darauf schließen lassen würden".

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