SPIEGEL ONLINE: Mr. Braund, Sie waren sieben Jahre Scout bei Manchester United, haben hauptsächlich in Deutschland, Dänemark und Osteuropa Spieler beobachtet. Warum verließen Sie einen der besten Clubs der Welt, um ausgerechnet bei Hannover 96 anzuheuern?
Braund: Ich kannte Dieter Hecking schon, als er noch Spieler war. Meine Frau ist in der Nähe von Hannover aufgewachsen. Dieter und ich haben bereits vor Jahren herumgescherzt, dass er mich holt, wenn er den Trainerjob in Hannover kriegt. Dann ist es wirklich so gekommen.
SPIEGEL ONLINE: Und jetzt ist er nach nur zwei Spieltagen der neuen Saison zurückgetreten. Sind Sie enttäuscht von Hecking?
Braund: Zuletzt lastete sehr viel Druck auf ihm. Dabei haben viele vergessen, dass der Trainer fünf Monate ohne Manager arbeiten musste. Trotz allem ist Hannover 96 weiter als vor drei Jahren. In dem Geschäft habe ich eine Es-ist-wie-es-ist-Einstellung. Dieter und ich bleiben Freunde.
SPIEGEL ONLINE: Beeinflusst der Trainerwechsel Ihre Arbeit?
Braund: Andreas Bergmann und ich arbeiteten schon vorher gut zusammen. Er scheint eine realistische Chance auf den Cheftrainer-Job zu haben. Wir machen also erstmal weiter wie bisher. Darüber hinaus bin ich für jede Entscheidung offen. In meiner Funktion habe ich zu Sportdirektor Jörg Schmadtke eh ein engeres Arbeitsverhältnis.
SPIEGEL ONLINE: Sie sehen ungefähr 150 Partien im Jahr, also rund 4000 Spieler. Hinzu kommen unzählige DVDs. Nach welchen Eigenschaften beurteilen Sie einen Akteur?
Braund: Tempo spielt eine immer wichtigere Rolle im heutigen Fußball. In der Regel stellt die sportliche Leitung ein Profil aus, nach dem wir uns richten. Dabei prallen schon einmal persönliche Geschmäcker aufeinander. Das ist wie bei der Partnerwahl: Sie mögen vielleicht blond. Ich eher brünett.
SPIEGEL ONLINE: Sie sehen sich Begegnungen in der vierten Liga an und fahren zu den entlegensten Spielstätten Europas. Ist es naiv zu glauben, dass ein begabter junger Spieler irgendwo auf einem Dorfacker zu entdecken ist?
Braund: Einige Leute nehmen an, dass man einfach in die osteuropäische Provinz fährt und dort einen Rohdiamanten aufspürt, den sonst niemand auf dem Zettel hat. Durch die zunehmende Transparenz wird das jedoch immer schwieriger. Im globalen Fußballgeschäft bleibt nichts mehr geheim. Bevor man sich versieht, steht ein Spieler, der zwei gute Partien gemacht hat, schon auf der Gehaltsliste eines größeren Clubs.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon einmal das Potential eines Spielers unterschätzt? Wie oft irren Sie sich?
Braund: Jeder Scout liegt ab und zu daneben. Michal Kadlec war einige Jahre auf dem Markt, kein Verein hat zugeschlagen. Ich hätte auch nicht erwartet, dass er in seiner ersten Saison in Leverkusen so einschlägt. Bei einem U21-Turnier in Toulon saß einmal ein Chelsea-Beobachter hinter mir. Unter Kollegen sprachen wir über den Spieler Deco. Er sagte nur "fucking shit". Das amüsierte mich schon damals. Letztes Jahr hat Chelsea den Spieler verpflichtet.
SPIEGEL ONLINE: Welcher war der größte Transfer, den Sie eingeleitet haben?
Braund: Gerade bei ManU hatte ich mit einigen großen Transfers zu tun. Generell begreife ich Scouting allerdings als Teamarbeit. Während meiner Zeit bei Manchester war ich beispielsweise minimal an der Verpflichtung von Nemanja Vidic beteiligt.
SPIEGEL ONLINE: Jetzt untertreiben Sie.
Braund: Ich habe den Kontakt hergestellt und damit den Transfer beschleunigt. Kurz darauf haben wir den Spieler verpflichtet - vor dem FC Liverpool, der Vidic auch unter Vertrag nehmen wollte.
SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns über Unterschiede zwischen dem deutschen und dem englischen Fußball sprechen. Seit der Ära Klinsmann/Löw kennen wir den Fachterminus "vertikales Spiel" …
Braund: … den es in England übrigens gar nicht gibt. In Deutschland existiert für jede Spielsituation ein Begriff. In einem englischen Spielbericht lässt sich ein ganzer Absatz oft mit nur einem deutschen Wort zusammenfassen. Als ich meinen Kollegen auf der Insel von vertikalem Spiel erzählte, haben sie mich ausgelacht.
SPIEGEL ONLINE: Ist der deutsche Fußball verkopft?
Braund: Er ist auf jeden Fall intellektueller als der in der Premier League. Ein Coach wie Ralf Rangnick wäre in England eher Verbandstrainer im Nachwuchsbereich als Teammanager eines Clubs.
SPIEGEL ONLINE: Worauf achtet ManUs Teammanager Alex Ferguson?
Braund: Sir Alex Ferguson will Feuer in den Augen seiner Spieler sehen.
SPIEGEL ONLINE: Das will jeder Trainer.
Braund: Dazu eine Anekdote: In der Saisonvorbereitung nach einem Meisterschaftssieg kam Sir Alex Ferguson in die Kabine und sagte: "Zwei Spieler brennen nicht mehr für ManU." Dann hielt er einen Briefumschlag hoch: "Darin sind die Namen." Danach hat kein Spieler auch nur ansatzweise unter mangelnder Motivation gelitten. So ist Sir Alex Ferguson: Entweder ist man für ihn, oder gegen ihn. Ich glaube übrigens, dass der Umschlag leer war.
SPIEGEL ONLINE: Die Premier League gilt als stärkste Fußballliga der Welt. Wird in Ihrer Heimat tatsächlich am besten gekickt?
Braund: Die Erfolge geben den "Big Four" (Manchester United, FC Liverpool, FC Chelsea, Arsenal London, d. Red.) recht. Grundsätzlich halte ich aber nicht viel von Superlativen. Ich habe vor kurzem eine Begegnung in der Schweiz zwischen dem FC Zürich und Young Boys Bern gesehen - eine hochspannende Partie.
SPIEGEL ONLINE: Woran mangelt es der Bundesliga im internationalen Vergleich?
Braund: Am Geld.
SPIEGEL ONLINE: Nur daran?
Braund: Sportlich hapert es auch an der Defensivarbeit einiger Teams. Zwischen den Verteidigern der Premier League und denen der Bundesliga gibt es zum Teil große Unterschiede in der Robustheit. Nach meinem Gefühl kippen hier viel mehr Partien als in England. Gerade neulich hat Gladbach eine 3:0-Führung gegen Bochum verspielt. Das ist zwar spektakulär, aber eigentlich unglaublich.
SPIEGEL ONLINE: Die Premier League bietet auch Spektakel.
Braund: Das stimmt, aber auf eine andere Weise. Führt ein Team zur Halbzeit 2:0, ist das Spiel meistens gelaufen. Die Verteidiger gehen viel härter in die Zweikämpfe, was auch mit der großzügigeren Regelauslegung in der Premier League zusammenhängt. In Deutschland ist es schön, dass sich der Fußball ein Stück Romantik bewahrt hat.
SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?
Braund: Aston Villa spielte letzte Saison im Uefa-Cup bei ZSKA Moskau lieber mit der zweiten Garde, um sich in der Liga für die Champions League zu qualifizieren. Der HSV dagegen wollte unbedingt den internationalen Titel. Auf der einen Seite überwiegt das Geld, auf der anderen das Renommee - so scheint es zumindest. Am Ende haben übrigens beide Clubs ihre Ziele verfehlt.
Die Fragen stellte Florian Pfitzner
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