Wer sich für den kommenden Mittwoch schon etwas vorgenommen hat, um bloß nicht das WM-Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan sehen zu müssen, sollte seine Planungen vielleicht noch einmal überdenken. Nach Monaten der Langeweile deutet sich nämlich gerade eine Spaßwende bei der deutschen Nationalmannschaft an. So trübe die Spiele in diesem Kalenderjahr bislang waren, wirkte das Team von Joachim Löw gegen Südafrika wie neu beatmet.
Nun war der Gastgeber der nächsten Weltmeisterschaft kein Gegner von Klasse und der 2:0-Sieg kein triumphaler Erfolg, doch selten haben sich durch ein Spiel und einen einzelnen Spieler so viele neue Perspektiven ergeben. Man hatte zwar schon früher geahnt, dass Mesut Özil mit all seinem Talent eine Bereicherung sein könnte. Doch mit ihm auf dem Platz gab es in Leverkusen eine unverhoffte fußballerische Kettenreaktion.
Völlig selbstverständlich belebte er eine Zone auf dem Feld, in der sich die Nationalmannschaft sonst oft sehr schwer tut. Im heutzutage stets vollgepackten Bereich zwischen Mittelfeld und Sturm, in dem es gerade Gegner von minderer Klasse gerne besonders eng machen, hatte Özil eine Präsenz, die jeden im Stadion begeisterte - mal abgesehen von den Anhängern von Schalke 04, die eigentlich nachträglich Protestmärsche abhalten müssten, weil dieser Spieler nach Bremen verkauft wurde.
Immer konnten seine Mitspieler den Ball bei ihm abliefern und es passierte etwas. Mal verschaffte Özil sich Raum durch eine kurze Drehung, einen Haken oder Dribbling, mal schnippte er den Ball schnell weiter. Dabei verblüffte er weniger durch jugendliche Unbekümmertheit, der 20-Jährige spielte wie ein Stratege und wirkte dabei verdammt erwachsen. Vor allem in der zweiten Halbzeit hatte er mit Miroslav Klose und Lukas Podolski die Mitstreiter gefunden, um einen Kombinationsfluss in Gang zu setzen, den anzuschauen Spaß machte, wie lange nicht mehr.
Entlastung für Ballack, Freude bei Klose
Das 4-4-2-System, in dem die Nationalmannschaft in der Vergangenheit zumeist gespielt hatte, ist im Laufe der Zeit etwas statisch und schal geworden. Zu spüren war das vor allem gegen schwächere Gegner - und das sind die meisten, wenn man Vierter der Weltrangliste ist. Die neue Formation mit zwei defensiven Mittelfeldspielern, einem offensiven Trio davor und einem einzelnen Stürmer wird durch Özil zu einer echten Alternative.
Er war als zentraler Spieler der vorderen Dreierreihe aber nicht nur der Mann, der einen guten Abend hatte. Özils Spielweise ermöglicht es, dass einige Kollegen prinzipiell besser aussehen. Sie entlastet zunächst einmal Michael Ballack, dem im Nationalteam oft zu viel zugemutet wird, weil er wichtigster Balleroberer und Spielmacher in einer Person sein soll. Özil nimmt ihm im Spiel nach vorne eine ganze Menge Arbeit ab. Podolski konnte links neben ihm mit etwas Anlauf kommen, was ihm mehr behagt. Und Klose freut sich sowieso, wenn kombiniert wird, wie man bei seiner Vorarbeit zum 2:0 sehen konnte.
Deutsches Spiel mit spanischem Touch
Gegen Südafrika wurden die beiden Tore und einige weitere Torchancen herausgespielt und nicht herausgearbeitet. Und das ist wichtig, wenn man heute im Spitzenfußball höchste Ambitionen hat. In einer Zeit, in der alle Teams die Prinzipien der Defensive verstanden haben, setzen sich die mit dem besten Offensivspiel durch. In der Champions League hat das zuletzt der FC Barcelona bewiesen und bei der Europameisterschaft die spanische Mannschaft. Am Samstag sorgte Özil im deutschen Spiel für den spanischen Touch.
Vielleicht verbirgt sich dahinter sogar etwas, was man großspurig Paradigmenwechsel nennt. Haben sich still und leise die Vorbilder geändert? Früher hatte Löw oft von der Geschwindigkeit des britischen Spiels geschwärmt, gegen Südafrika hingegen wirkte die deutsche Nationalmannschaft eher südländisch inspiriert. Aber das kann nun wirklich keine Beschwerde sein.
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