Von Christian Gödecke, Hannover
Es ist kurz nach halb fünf in der Hannoveraner AWD Arena, VIP-Bereich, Ebene zehn, als Berti Vogts über seine Zukunft sprechen soll und dafür die Vergangenheit bemüht. Er sitzt an einem Tisch, im grauen Shirt und Trainingshose, vor sich Colaflaschen und Journalisten. Es steht die Frage im Raum, ob er Trainer in Aserbaidschan bleibt.
Er habe noch einen Vertrag bis zum Jahresende, der Verband sei immer sehr fair zu ihm gewesen, Präsident, Generalsekretär, aber es gebe Angebote, "und ich bin offen für diese Angebote", sagt Vogts. Was man eben so sagt, wenn man weiß, dass man nicht bleiben wird. Dann macht er eine kleine Pause. "Es kann auch passieren, dass wie in Schottland mein Nachfolger den Erfolg hat."
Schottland, das muss man wissen, hat gerade in der WM-Qualifikation unter Trainer Craig Burley 2:0 gegen Mazedonien gewonnen und liegt mit zehn Punkten auf dem zweiten Platz der Gruppe 9. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich das Team für die Playoffs qualifiziert. Schottland ist erfolgreich, seit Vogts nicht mehr da ist. Das ist die eine Version. Vogts sagt, Schottland sei erfolgreich, weil er da war. Fünf Jahre ist das jetzt her.
Berti Vogts, 62, war schon in Kuwait (2001-2002) und Nigeria (2007-2008) beschäftigt, der ehemalige Bundestrainer ist ein Entwicklungshelfer in Sachen Fußball geworden. Als er nach Schottland ging, verjüngte er die Mannschaft, professionalisierte die Scouting-Arbeit, und er baute neue Strukturen auf, von denen die Insel-Kicker heute profitieren.
Achtungserfolge und Aussortierte
Es ist wohl einfach so, dass Vogts Erfolg in anderen Kategorien als dem Tabellenstand in der WM-Qualifikation definiert. Erst recht in Aserbaidschan.
Beim Hinspiel in Baku stellte sein junges Team die favorisierte DFB-Elf vor große Probleme. Wales gewann nur mit Glück. Das sind Achtungserfolge, nur werden sie vom Blick auf die Tabelle relativiert. Aserbaidschan liegt in der deutschen Gruppe abgeschlagen auf dem letzten Platz, jeder rechnet in Hannover (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) mit einem deutlichen Sieg der Deutschen. Vor einer Woche konnte Aserbaidschan gegen Finnland immerhin
Was bleibt, ist auch hier der Verweis auf die strukturellen Veränderungen. "Wir haben jetzt eine junge Mannschaft", sagt Vogts. Er habe ein paar ältere Spieler aussortiert, "die wollten sich nicht quälen". Jetzt gebe es ein hungriges, aggressives Team, "und eine sehr gut spielende U19-Mannschaft". Eine Fußballakademie wurde gebaut in Baku, der Hauptstadt. Dazu finden mittlerweile regelmäßige medizinische Tests statt, zusammen mit der Universität Saarbrücken. Der Verband kooperiert mit dem DFB.
Aber es ist trotzdem noch so viel zu tun. Der Fußball müsse an die Schulen, die Basis gefördert werden, "so wie ich das damals in Deutschland eingeführt habe". Stadien fehlten auch. Außerdem hätten die Spieler wenig Wettkampfpraxis, "nach einem Uefa-Cup-Spiel hatten einige erstmal vier Tage frei, das geht nicht und ich bin sehr erbost drüber", sagt Vogts, der seit April 2008 im Amt ist. Die Spieler müssten regelmäßiger belastet werden, "sie sind es nicht gewohnt, im Samstag-Mittwoch-Rhythmus zu spielen". Vogts klingt dabei gar nicht mal böse, eher verzweifelt.
Hilfestellung für die alte Heimat
Das alles hat Kraft gekostet, vielleicht fühlt er sich auch mittlerweile wie ein alternder Maurer, der einfach mal in einem Haus wohnen will statt immer wieder andere einziehen zu lassen. Vielleicht will er sogar noch mal richtig angreifen?
Er war ja schließlich mal deutscher Bundestrainer.
Vogts genießt diesen Auftritt in Hannover, er genießt die besondere Situation. Er, den man 1998 aus dem Amt fortgejagt hat nach dem Viertelfinal-Aus bei der WM, kann das Zünglein an der Waage spielen. Immerhin muss Russland noch nach Aserbaidschan, "und das wird ein heißes Spiel. Russland gehört ja nicht gerade zu den politischen Freunden".
Man sieht Vogts regelrecht an, dass er nichts lieber täte, als dem DFB-Team persönlich den Weg nach Südafrika zu ebnen. Deutschland sei seine Heimat, "ich hatte hier großartige Erfolge als Spieler und auch als Trainer", sagt Vogts.
Vogts, das wird an diesem Nachmittag klar, will sich wieder in Erinnerung bringen. Er ist ja auch schon lange verschwunden aus dem deutschen Fußball, seit er 2001 Bayer Leverkusen nach einem halben Jahr verlassen musste. Und so nutzt der Gladbacher Rekord-Bundesligaspieler immer wieder Nebensätze für dezente Hinweise in eigener Sache. Ob frühere Erfolge, aktuelle Angebote, erfolgreiche Nachfolger oder die Feststellung, dass die DFB-Scouts Aserbaidschan zweimal beobachtet hätten ("das ist nie zuvor da gewesen") - Vogts wirkt wie der verlorene Sohn, der nach Jahren nach Hause kommt und den Eltern stolz von seinen Erlebnissen erzählt.
Bundestrainer nein, Berater ja
Der Hinweis, dass Vogts es ja gewesen sei, mit dem Deutschland den letzten großen Titel (die Europameisterschaft 1996) gewonnen habe, kommt dann allerdings von einem aserbaidschanischen Journalisten. Deren Verhältnis zum Nationaltrainer scheint ohnehin ein sehr besonderes zu sein, denn Vogts lobt die Kollegen sogar für deren respektvollen Umgang mit ihm. Er kennt es anders - aus Schottland und vor allem auch aus Deutschland. Nur so ist vielleicht auch zu erklären, dass der Trainer ganz am Ende noch gefragt wird, ob er sich denn aufgrund seiner erfolgreichen Vergangenheit beim DFB denn vorstellen könnte, noch mal Bundestrainer zu werden.
Nein, sagt Vogts, die Zeit sei vorbei. Eine beratende Funktion könne er sich allerdings vorstellen.
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