Das Bayern-Management befasste sich schon länger mit der Nachfolgeregelung für Oliver Kahn. Ein internes Stellenangebot wurde ab 2007 in Beraterkreisen gestreut: Der Club benötige einen loyalen Backup, der den Karrierestart des Torwart-Thronfolgers Michael Rensing im Stile eines Elder Statesman katalysiert, ohne dabei selbst Machtansprüche zu stellen. In der engeren Auswahl stand neben Hans-Jörg Butt auch Simon Jentzsch, der beim VfL Wolfsburg von Felix Magath aussortiert worden war.
Klaus Augenthaler, der sowohl Butt in Leverkusen als auch Jentzsch aus seiner Zeit als Trainer beim VfL kannte, wurde von Bayern-Manager Uli Hoeneß zu seiner Meinung befragt - und tendierte klar zu Butt. "Jörg ist ein ruhiger Zeitgenosse, der macht keinen Ärger und bringt zuverlässig Leistung", so Augenthaler.
Ab dem Moment seines Dienstantrittes an der Säbener Straße im Sommer 2008 ließ Butt denn auch keine Zweifel an seiner Loyalität gegenüber der flippigen, mitunter zu Selbstüberschätzung neigenden Nummer eins aufkommen. Im Gegenteil, der heute 35-Jährige fiel so wenig auf, dass FCB-Torwarttrainer Walter Junghans mitunter suchen musste, um den Ersatzmann irgendwo in der hintersten Ecke des Trainingsplatzes zu entdecken. "In den ersten Trainingseinheiten nahm man ihn kaum wahr."
Was treibt einen Mann von seinem Format, sich freiwillig in diese Form von Altersteilzeit zu begeben? Zumal Butt vor seinem Wechsel nach München auch Angebote mit Stammplatzgarantie von Erstligisten aus Spanien, England und Italien vorlagen. Die Gründe haben viel mit Butts Eigenwahrnehmung zu tun. Er sagt: "Ich bin eher der Typ Naturwissenschaftler. Die Ausgangsposition war klar: Ich kam als Nummer zwei. Aber ich wusste auch, dass es eine sehr lange Saison wird und ich zwangsläufig meine Chance bekomme."
"Wenn etwas schiefläuft, sucht er zuerst immer die Schuld bei sich"
Den analytischen Blick und das Verständnis für die Mitspieler kultiviert er fast über die Maßen. Es ist kein Fall aktenkundig, in dem sich Butt öffentlich über einen Kollegen beschwert hat. "Wenn etwas schiefläuft, sucht er zuerst immer die Schuld bei sich", sagt Augenthaler.
Butts besonnene Art kam aber nicht überall gut an. Klaus Toppmöller, der mit dem Keeper in Leverkusen arbeitete, bescheinigt Butt zwar, mit seinem sachlichen Spiel stets eine beruhigende Wirkung auf seine Mitspieler gehabt zu haben. "Aber mitunter hätte ich mir von ihm auch mehr Forschheit und Dynamik gewünscht." Als ihn ein Journalist vor Jahren einmal fragte, ob es denn nichts gäbe, was ihn so richtig aus der Ruhe brächte, antwortete Butt: "Doch - Gegentore." Immerhin.
Seine norddeutsche Distanziertheit hat Butt auch zum Prinzip für seinen Beruf erhoben. Er glaubt, dass zu viel Nähe zu einem Trainer sich nachteilig auf die Karriere eines Keepers auswirkt, weil immer die Gefahr besteht, dass der Spieler nicht mehr allein unter Leistungskriterien bewertet würde, sondern in Hinblick auf seine Pfründe. Butt sagt: "Ein Torwart ist für seine Bilanz letztlich immer selbst zuständig. Vertrauen ist keine Einbahnstraße. Wenn ein Torwart zur Nummer eins gemacht wird, muss er dieses Vertrauen auch immer wieder rechtfertigen."
"Viele junge Spieler sind heute sehr schnell zufrieden"
Für Butt standen die Chancen auf eine Rückkehr ins Bundesliga-Tor denkbar schlecht: Denn in der Ära Jürgen Klinsmann wurde die Causa Rensing fast zum Politikum. Während der Trainer eigentlich ergebnisoffen dem Konkurrenzkampf seiner Torhüter gegenüberstand, machte der Vorstand es zur Chefsache, dass der Youngster um jeden Preis als neuer Stammtorhüter zu etablieren sei.
Erst als Klinsmann nach der 1:5-Pleite im April 2009 gegen den VfL Wolfsburg selbst schon mit dem Rücken zur Wand stand, versuchte er mit dem Torwartwechsel unmittelbar vor dem Viertelfinale der Champions League gegen den FC Barcelona einen letzten, verzweifelten Neustart.
Unaufgeregt hatte Butt in den Wochen und Monaten zuvor auf einen möglichen Einsatz hingearbeitet. Mit Blick auf seine gegenwärtige Situation als Bayern-Stammtorwart sagt er: "Ich frage mich, ob es auch in zehn Jahren noch so viele Profis mit weit über 300 Bundesliga-Spielen gibt. Denn ich stelle fest, dass viele junge Spieler heute sehr schnell zufrieden sind." An wen er dabei denkt, sagt Hans-Jörg Butt nicht.
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