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03.11.2009
 

2. Fußball-Bundesliga

Rostock und St. Pauli liefern sich Randale-Derby

Von Mike Glindmeier, Rostock

Foto: Getty Images

Der FC St. Pauli hat ein brisantes Derby beim FC Hansa Rostock gewonnen. Doch die Freude darüber wurde durch Ausschreitungen getrübt - an denen Anhänger beider Clubs beteiligt waren. Die Polizei verhinderte mit einem Großaufgebot Schlimmeres.

"Scheiß St. Pauli, Scheiß St. Pauli." Dieser Schmähruf gehört bei Auswärtsspielen des Hamburger Zweitligisten zum Standardrepertoire der gegnerischen Fans. Beim 2:0 (0:0)-Auswärtssieg der Hamburger beim FC Hansa Rostock hallte der Gesang allerdings für kurze Zeit auch durch den St. Pauli-Block. Es war die 77. Minute. Matthias Lehmann hatte gerade einen Freistoß erfolgreich im Tor der Rostocker versenkt, da ging die Freude im Gästeblock plötzlich in Zorn auf die eigenen Leute über.

Grund für den St. Pauli-internen Fanzwist war das Verhalten einiger Gästeanhänger, die die Führung dazu nutzten, sich auf gefährliche Weise auszutoben - und dabei genau das veranstalteten, was die St. Paulianer selbst oft genug verurteilen. Direkt nach dem Führungstor warfen einige Gästefans bengalische Feuer und Knallkörper in den benachbarten Block der Rostock-Anhänger. Dabei nahmen sie schwere Verletzungen in Kauf.

Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer unterbrach das Spiel für mehrere Minuten. St. Paulis Trainer Holger Stanislawski und einige Spieler rannten vor die Gästekurve und versuchten, die eigenen Anhänger zu beruhigen. "Scheiß St. Pauli", rief ein Teil der rund 2000 mitgereisten St. Pauli-Fans in Richtung der Krawallmacher in ihren Reihen. St. Paulis Aufsichtsratmitglied Tay Eich wollte die Aktion auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren, "solange wir diese unschönen Szenen nicht abschließend ausgewertet haben."

Dabei war die Lage ziemlich eindeutig. Einige St. Pauli-Fans wollten sich offenbar für die Ausschreitungen durch Rostocker Randalierer bei der 0:3-Niederlage in der vergangenen Saison revanchieren. Pauli-Präsident Corny Littmann hatte dafür genauso wenig Verständnis, wie die friedlichen Fans im Gästeblock: "Das finden wir überhaupt nicht witzig, was da passiert ist. Das ist überhaupt nicht tolerabel", so Littmann. Auch Stanislawski äußerte seinen Unmut: "Als der liebe Gott das Hirn verteilt hat, haben viele dieser Leute leider nicht 'Hier' gerufen."

"Dabei wurden Polizeibeamte mit Flaschen und Steinen angegriffen"

Die Polizei, die auf die Kritik nach dem letzten Aufeinandertreffen der beiden verfeindeten Fangruppen in Rostock reagiert hatte und mit zahlreichen Kräften in der Pufferzone zwischen den beiden Blöcken vertreten war, verwies auf den Sicherheitsdienst des FC Hansa. "Die Sicherheit im Stadion ist Sache des Veranstalters", sagte eine Polizeisprecherin auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.


Nach der brisanten Begegnung zeigten sich dann zahlreiche Rostock-Fans von ihrer negativen Seite. "Im Anschluss an das Spiel haben einige hundert Rostocker Anhänger versucht, die Polizeisperrungen zu durchbrechen, um die St. Pauli-Fans zu attackieren. Dabei wurden Polizeibeamte mit Flaschen und Steinen angegriffen", so die Polizeisprecherin: "Durch konsequentes Durchgreifen und den Einsatz von zwei Wasserwerfern konnte Schlimmeres verhindert werden."

Bereits vor dem Spiel war es bei der Ankunft der St. Pauli-Fans in der Ostseestadt zu ersten Reibereien gekommen. Hamburger Anhänger hatten rund um den Bahnhof Parkstraße Böller gezündet und mit Flaschen geworfen. "Dabei ist ein Journalist von einer Flasche am Kopf verletzt worden", so die Polizeisprecherin.

Simulierter Sensenmann

Im Stadion stachelten sich die verfeindeten Fangruppen zuvor mit Transparenten auf. In Anspielung auf die rechtsradikalen Attacken durch Rostock-Fans beim vergangenen Aufeinandertreffen entrollten die St. Pauli-Anhänger vor der Partie ein Banner mit der Aufschrift: "Follow your Leader, do it like Rieger." Der NPD-Vize Jürgen Rieger war in der vergangenen Woche an einem Hirnschlag gestorben. Die Hansa-Fangruppe "Suptras" konterte mit einem ebenfalls geschmacklosen Transparent. "Braune Kiste, Zettel am Zeh, St. Pauli kommt nach Hause."

Auch St. Paulis Spieler trugen während und nach den neunzig Minuten nicht gerade zur Deeskalation bei. Als der eingewechselte Deniz Naki in der 84. Minute nach einem Konter das 2:0 erzielt hatte, lief er an den Rostock-Fans vorbei und gab den Sensemann, indem er mit seiner Hand das Kehledurchschneiden simulierte. Nach dem Spiel rammte der Außenstürmer eine St. Pauli-Fahne in den Rasen der DKB-Arena, als sei er der erste Mann auf dem Mond.

Auch wenn St. Paulis Sieg ein großer Schritt auf dem Weg an die Tabellenspitze war: Die Ausschreitungen nach dem Führungstreffer haben an diesem Abend bei vielen Anhängern der Braun-Weißen die Stimmung getrübt.

Umso erfreulicher war es, dass zumindest die beiden Sonderzugbesatzungen ohne weitere Zwischenfälle die Heimreise nach Hamburg antreten konnten. "Unsere Strategie der Fantrennung ist komplett aufgegangen", so die Bilanz der Rostocker Polizeisprecherin. Insgesamt waren 1500 Beamte im Einsatz, laut Polizei wurden 23 Hansa-Fans wegen des Verdachts auf Landfriedensbruch in Gewahrsam genommen und 27 Polizeibeamte leicht verletzt. Das Fazit der Polizei: "Der Abend verlief erstaunlich störungsfrei." In der Fanszene des FC St. Pauli dürfte das Gastspiel indes noch für einige Unruhe sorgen.

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