Von Sebastian Winter, München
Es ist ein ehernes Gesetz, dass der Kapitän eines sinkenden Schiffes als Letzter von Bord geht. Und so verabschiedete sich Mark van Bommel - als einziger Bayern-Spieler - noch bei den verbliebenen Fans. Erst danach verschwand der 32-Jährige in den Katakomben des Stadions. Seine Mitspieler waren da schon längst hinabgetaucht in die Unsichtbarkeit, sie flüchteten vor vielen Dingen an diesem schmerzvollen Abend. Vor der 0:2-Niederlage gegen Bordeaux. Vor dem Regen, der wie die Sintflut hereinbrach über die Bayern. Vor den Pfiffen, die am Ende der Partie gar nicht mehr so laut waren - die ersten Zuschauer hatten sich bereits in der 75. Minute auf den Nachhauseweg gemacht. Und ein wenig auch vor der Erkenntnis, in der derzeitigen Verfassung nicht mehr zu sein als eine Randnotiz in der Champions League.
Die großen Bayern stehen vor dem Aus in der europäischen Königsklasse. Der deutsche Rekordmeister braucht nach der bittersten Pleite dieser Saison nicht mehr nur Erfolge gegen Maccabi Haifa und Juventus Turin, um doch noch das Achtelfinale zu erreichen. Der Tabellendritte braucht zudem die Hilfe der Anderen: Bordeaux muss am nächsten Spieltag gegen Turin zumindest ein Unentschieden erreichen, damit die Bayern überhaupt noch eine Chance haben. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass der Champions-League-Sieger von 2001 bereits in der Gruppenphase ausscheidet.
Dieser niederschmetternden Realität müssen sich die Bayern nun stellen, deren Selbstverständnis eigentlich auf sportlichen und wirtschaftlichen Erfolgen beruht, und die im Ausland einen so guten Ruf genießen wie kein anderer deutscher Club. Doch mit der Niederlage gegen Bordeaux hat das Image der Bayern einen weiteren Kratzer bekommen. Wenn man so will, sind sie auf dem besten Weg, im Mittelfeld Europas anzukommen - zu den besten Mannschaften gehörten sie schon lange nicht mehr.
Es ist schon Alltag, dass Braafheid und Pranjic schlecht flanken
Girondins Bordeaux spielte clever, aber keineswegs gut. Das reicht zurzeit, um bei den Bayern 2:0 zu gewinnen. Die einzigen beiden Chancen der Franzosen entstanden aus individuellen Fehlern des Gegners. Genau diese Fehler wollten die Bayern eigentlich verhindern. Van Bommel hatte noch am Dienstag auf die Gefahr bei Standardsituationen hingewiesen. Doch in der 37. Minute köpfte Yoann Gourcouff den Ball nach einem Freistoß ins Tor - er war ausgerechnet dem unaufmerksamen Bayern-Kapitän enteilt.
Dies ist wohl die schlimmste Erkenntnis für die Bayern: Das Star-Ensemble schrumpfte in den vergangenen Wochen und Monaten zu einer Ansammlung von Durchschnittskickern. Warum das so ist, können zurzeit weder die Spieler noch die Verantwortlichen sagen. Ist es die ständige Rotation von Trainer Louis van Gaal? Oder fehlendes Verständnis der Spieler für sein kompliziertes System? Sind es die Einkäufe, die bisher nicht überzeugen konnten? Das Überangebot an Stürmern, die nicht treffen, und denen Lücken in anderen Bereichen des Kaders gegenüberstehen? Hat die unruhige Vorbereitung doch Spuren hinterlassen? Oder passt der Kader der Bayern einfach nicht zusammen? Die Verunsicherung zeigt zurzeit viele Gesichter bei dem sonst so selbstbewussten Mir-san-Mir-Verein.
Kein Rezept gegen die Krise
Die beiden Spieler, die den Unterschied in diesen Zeiten machen könnten, sind verletzt (Franck Ribéry) oder noch nicht bereit für 90 Minuten (Arjen Robben). Dennoch machte Robben das Bayern-Spiel nach seiner Einwechslung in der zweiten Halbzeit schneller und besser, von der ersten Sekunde an. Doch dies legte die Durchschnittlichkeit seiner Mannschaftskollegen nur noch deutlicher offen.
In München finden sie kein Rezept gegen eine Krise, die die Spieler mehr und mehr zu lähmen scheint und auch den Verantwortlichen langsam Sorgen bereitet. Schon vor dem Spiel gegen Bordeaux hatte Manager Uli Hoeneß in einer bösen Vorahnung bekannt, nervös zu sein. Dass die Bayern sich womöglich aus der Champions League verabschieden, noch bevor Hoeneß sein Amt zum Jahresende Christian Nerlinger zur Verfügung stellt, war mit Sicherheit nicht sein Plan.
Trainer Louis van Gaal musste sich einen der schwächsten internationalen Auftritte der Bayern in den vergangenen Jahren bis zum Schlusspfiff anschauen. Am vergangenen Dienstag war ihm bei der Pressekonferenz die Frage gestellt worden, ob er denn vor einer so wichtigen Partie früher ins Bett gehe. "Ich kann gut leben in der Nacht", antwortete van Gaal. Die Nacht nach Bordeaux wird eine der schlechteren im Leben des Louis van Gaal gewesen sein.
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