Sonntag, 22. November 2009

Sport



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08.11.2009
 

Bundesliga-Kommentar

Ein Retortenclub beginnt zu atmen

Von Christoph Ruf, Sinsheim

Ibisevic jubelt nach dem 1:0 gegen Wolfsburg - dann vergaß Hoffenheim das Toreschießen
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ddp

Ibisevic jubelt nach dem 1:0 gegen Wolfsburg - dann vergaß Hoffenheim das Toreschießen

Fanclubs sprießen bundesweit aus dem Boden, die Rhein-Neckar-Arena ist voll: Die TSG Hoffenheim ist längst kein bloßes Konstrukt mehr - der Verein beginnt zu atmen. Die Mannschaft euphorisiert mit Hochbegabten, allerdings haben die ein Problem: Zu oft vergessen sie auf dem Weg zum Tor, was sie eigentlich vorhatten.

Es war nicht zu überhören, dass die Frau aus Berlin kam. Und eigentlich war es auch nicht zu übersehen. Mit ihren weiß-blauen Fanschals, die sie um ihren Hals gelegt und an ihre Handgelenke geknotet hatte, stand sie am Straßenbahngleis und wartete auf die Linie 1 zum Stadion.

Allerdings spielte am vergangenen Wochenende nicht die blau-weiße Hertha in Freiburg, sondern die TSG Hoffenheim. Und die Frau hatte sich nicht verfahren: Sie war Mitglied des Hoffenheim-Fanclubs Kreuzberg. Morgens um halb fünf war sie in Neukölln aufgestanden, kurz nach sechs saß sie im ICE, sieben Stunden später stieg sie wieder aus. Auch gestern muss der Wecker wieder sehr früh geklingelt haben. Gegen Wolfsburg war sie in der Rhein-Neckar-Arena: Klar Mann, ick hab ne Dauerkarte.


Die Berliner Pflanze, die heute so selbstverständlich von Hoffe (so heißt der Ort im Volksmund) spricht als sei sie neben dem Dorfbrunnen groß geworden, wusste wahrscheinlich noch vor drei Jahren nicht, dass es den Verein überhaupt gibt. Blau-weiße TSG-Schals trugen damals in der Drittklassigkeit allenfalls die wenigen Mitglieder des ersten und damals einzigen Fanclubs "Zwingerclub" und ein paar Rentner, die fast ausnahmslos zu Fuß zum Stadion gingen.

Der vermeintliche Retortenclub hat überraschend schnell angefangen zu atmen

Heute sind es bei Heimspielen Tausende, auch auswärts wird das Team von einer stattlichen Zahl Anhänger begleitet. Selbst das Pokalspiel gegen Koblenz wollten Mitte der Woche fast 20.000 Zuschauer sehen.

Die TSG Hoffenheim hat es in kürzester Zeit geschafft, vom ambitionierten Konstrukt zu so etwas wie einem echten Fußballverein zu werden. In der Rhein-Neckar-Region ist er bereits ähnlich verwurzelt wie Arminia Bielefeld in Ostwestfalen. Bundesweit neu gegründete Fanclubs zeigen: Der vermeintliche Retortenclub hat überraschend schnell angefangen zu atmen.

Was auf dem Platz passierte, und darum geht es beim Fußball ja angeblich, war bei der TSG schon hochinteressant, als noch ein gewisser Hansi Flick, der heutige Co-Trainer der Nationalmannschaft, an der Seitenlinie stand. Nun, in der vierten Saison unter Ralf Rangnick, wird es spannend. Der Fußballfachmann hat an einem Team gefeilt, das wohl bereits am Ende der vergangenen Saison auf den internationalen Plätzen gelandet wäre, wenn sich in der Rückrunde nicht so viele Leistungsträger verletzt hätten.

Die Hochbegabten treffen das Tor nicht

Spielfreudig, technisch versiert und ballsicher präsentierte sich das Team bereits in der vergangenen Saison häufig. Die rangnicksche Philosophie des kompromisslosen Pressings hinter der Sturmreihe und des schnellen Spiels nach vorne sorgt ganz nebenbei für hohen Unterhaltungswert. Zumal das Team mit Carlos Eduardo, Sead Salihovic und Chinedu Obasi im Mittelfeld großartige Einzelkönner hat. In der Bundesliga, der es an herausragenden Individualisten mangelt, sind die drei fast schon ein Alleinstellungsmerkmal.

Wenn die TSG den Ball erobert hat, passiert etwas. Während man beim Spiel der Bayern den Eindruck hat, Ballbesitz sei Selbstzweck, ist er in Hoffenheim Mittel zum Zweck. Sie wissen in Hoffenheim, wo das Tor steht, vergessen auf dem Weg dahin aber erstaunlich oft, was sie vorhatten.

Auch gestern, bei der letztlich verdienten Niederlage gegen Wolfsburg, hätte man zur Halbzeit deutlich klarer führen können, war aber mal wieder schlampig mit den Chancen umgegangen. Es gibt kaum ein Team, das so viele Torchancen vergibt, wie die TSG. Das ist das erste Problem der Hochbegabten.

"Vom Potential her sind wir vielleicht eine Spitzenmannschaft"

Das zweite ist, dass kaum eine Mannschaft nach Negativerlebnissen dermaßen den Faden verliert. Man könnte es auch das VfB Stuttgart-Syndrom nennen. Nach der ersten Hälfte in Freiburg, der vielleicht besten Halbzeit einer deutschen Mannschaft in dieser Saison, hätte Hoffenheim 4:0 führen können. Die TSG führte allerdings nur 1:0 - und dabei blieb es: Als der Gegner entschlossener agierte, geriet man unnötigerweise noch unter Druck.

Eine Woche zuvor das gleiche Schauspiel: Da trotzte eine bissige, lauffreudige Nürnberger Mannschaft der TSG vor eigenem Publikum 25 Minuten lang das komplette Spiel ab. Erst nach einem Glückstor besann sich die TSG. Der Gast aus Nürnberg hatte fortan keine Chance mehr. Und beim gestrigen Spiel gegen Wolfsburg reichte es, dass der Deutsche Meister die zweite Halbzeit energischer begann, um Hoffenheim den sicher geglaubten Sieg noch zu nehmen.

Wenn sich eine gegnerische Mannschaft energisch weigert, sie spielen zu lassen, bekommen Hoffenheims Spieler Probleme. Wenn sie dieses Manko und den geradezu kriminellen Umgang mit eigenen Torchancen nicht in den Griff bekommen, könnte das Team auch in dieser Saison wieder hinter Mannschaften landen, denen es fußballerisch um Welten überlegen ist.

Stellt man die Probleme ab, sind nach oben keine Grenzen gesetzt. Die Diskussion, die sie gestern nach Schlusspfiff begannen, benennt genau das Dilemma. "Vom Potential her", fand Manager Jan Schindelmeiser, "sind wir vielleicht eine Spitzenmannschaft. Wenn wir so agieren wie in der zweiten Hälfte aber natürlich nicht."

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